2010

Dezember

Emotionale Geborgenheit

Alle Menschen sehnen sich nach emotionaler Geborgenheit. Wir möchten diese von dem oder den uns nahe stehenden Menschen bekommen und sind doch so selten fähig diese auch zur Verfügung zu stellen. Freiheit ist in unserer Zeit das Zauberwort und emotionale Geborgenheit, so selten sie auch wirklich auftritt, wird von vielen Menschen als eine unangenehme, eher einengende Situation empfunden. Wir finden viele gewichtige Gründe, warum wir uns von einem Menschen, der emotionale Geborgenheit gewährt abwenden, denn wir erkennen selten eine solche nährende und tragende Situation als das, was sie in Wirklichkeit ist und projizieren unsere eigenen Fesseln darauf. Denn, wenn uns das Herzen eines Menschen wirklich Raum gibt ganz uns selbst zu sein, so werden wir uns auch bald unweigerlich mit uns selbst konfrontiert sehen. Je länger wir uns in einem Menschen mit offenem Herzen gespiegelt sehen, umso dringlicher werden wir uns aus diesem Umfeld ziehen wollen. Wir suchen dann meistens in der Verliebtheit mit einem noch scheinbar unbekannten Menschen, das vom Anderen geschenkt zu bekommen, was wir nicht bereit sind uns selbst zu geben. Ein liebendes Herz sieht uns, das ist oft sehr unangenehm. Verliebtheit ist blind. Diese Blindheit ist sehr angenehm, trägt sie doch das sehr berauschende Gefühl in sich, dass sich hier eine Möglichkeit öffnet endlich so gesehen zu werden wie wir gesehen werden möchten. Es erscheint unserer Psyche als überlebensnotwendig, so gesehen zu werden wie wir uns idealisieren und nicht so, wie wir uns selbst sehen, aber uns nicht eingestehen.
Ein liebendes Herz vermittelt uns des Öfteren das Gefühl verkannt zu sein, nicht wirklich gesehen zu werden. Ist dies nicht erstaunlich? Denn wir glauben ja, dass es das liebende Herz ist, das uns erkennt und suchen nach dem liebenden Herzen im Gegenüber. Doch ist es nicht eher so, dass wir im Gegenüber nach Selbstbestätigung suchen und auf keinen Fall nackt in unserem Gesamtbestand gesehen werden möchten?
Das liebende Herz sieht das Herz und freut sich daran, denn es ist nicht mein Herz, das dein Herz sieht. Für das Herz sind alle Herzen eins. Es sieht sich als Selbst und unsere Ideen und Vorstellungen von uns selbst sind ihm unwirklich. Verliebtheit schüttet Glückshormone aus und deckt kurzzeitig einen Mantel über den Trennungsschmerz unserer Seele, den alle Menschen, seit dem scheinbaren verlassen unseres Einsseins, mit sich tragen. Dieser Schmerz sucht sein Leben lang nach noch unbelasteten Projektionsflächen im Aussen.
Die Fähigkeit sich zu verlieben ist uns gegeben und wunderschön, doch die Fähigkeit emotionale Geborgenheit zu vermitteln ist nicht naturgegeben und eine sehr delikate Angelegenheit, welche emotionale Reife voraussetzt.
Wird verliebtes Sein als ein Entzücken innerhalb unseres eigenen Wesens gesehen, so kann es sehr leicht getäuscht und missverstanden werden. Doch dieses Entzücken selbst ist eine Spiegelung der Schönheit, Ganzheit und Vollkommenheit unserer Wesensnatur. Verliebtheit in reifer Form ist der kosmische Tanz des Selbst mit dem Selbst als Eines. Dieses einzigartige Selbst erkennt sich als dasselbe Sein in jedem einzigartigen Selbst, wohin sonst könnte dies führen als zu einem kosmischen Reigen der Freude in wacher Durchdringung unseres Daseins?
Wollen wir dies entdecken und leben oder wollen wir philosophieren, intellektuelle Hanteln aus der uns überall so freizügig zur Verfügung stehenden Weisheitsliteratur stemmen und über das Absolute labern?
Keine Stufenwege führen je zur Wirklichkeit. Verwirklichung bedeutet zu erleben was schon immer Wirklichkeit ist.
Emotionale Geborgenheit ist tiefer als Verbundenheit pflegen, tiefer als sich um seine Mitmenschen kümmern und sorgen, ist tiefer als zu lieben, so gut wie wir eben gerade zu lieben vermögen.
Emotionale Geborgenheit setzt das unmittelbare Erkennen und Umsetzen voraus Liebe zu sein.

November

Vertrauen

Kürzlich wurde ich gefragt, ob man „Vertrauen haben“ lernen könne.
Nein, "vertrauen haben" kann das Ich nicht lernen. Das Ich ist personifiziertes Nichtvertrauen. Das Ich ist der Wurzel-Trennungsgedanken. Wie sollte das Ich je Vertrauen haben können? Vertrauen benötigt Vertrautsein. Wenn wir mit dem Leben vertraut sind, so haben wir Vertrauen in das Leben. Vertrautsein bedingt Intimität. Auch Intimität kann nicht gelernt werden, sie ist weder ausserhalb noch innerhalb von irgendetwas zu finden, denn Intimität ist ungeteiltes Sein.
Intimität mit dem Leben ist die Voraussetzung für das Vertrauen in das Leben. Intimität wiederum setzt Hingabe voraus. Auch Hingabe kann nicht gelernt werden, denn unser Ich will um jeden Preis überleben. Sein ganzes Streben ist an die Verneinung seiner offensichtlichen Nicht-Existenz gebunden.
Hingabe, Intimität, Vertrauen. Diese Eigenschaften kann kein Ich lernen oder erzeugen. Diese Eigenschaften sind ich-lose Gegebenheiten unseres Wesens. Niemand kann sie besitzen oder haben. Vertrauen ist das Endprodukt unserer Selbstentschleierungen.
Wir können also Vertrauen nicht lernen. Doch wir können lernen uns nicht weiter zu verstecken, uns nicht weiter abzukapseln, lernen zu kommunizieren und nachzufragen, lernen Bereitschaft und Entschlossenheit zu entwickeln um unsere harten Schalen aus Projektionen, Beurteilungen, Verurteilungen, Vermutungen, Feindbilder und Schuldzuweisungen aufzulösen. Es sind wiederkehrende Muster, welche sich in uns als Vorstellungen, Welt- und Selbstbilder eingenistet haben und immer wieder zu denselben leidvollen Gedanken führen. Wir können lernen be- und verurteilende Gedanken offen zu legen und mit einem geliebten Menschen zu reflektieren, bevor sich diese in uns festsetzen und unsere Gefühlswelt terrorisieren. Wir können lernen unsere unangenehmen Gefühle frühzeitig zu erkennen, anzunehmen und zu fühlen, sie mitzuteilen, bevor sie uns vergiften und zu vielschichtigem Leiden in uns, in den Mit-Menschen und in unseren Lebensumständen führen.
Immer wenn sich negative Gefühle in uns festsetzten möchten sollten wir darauf achten, dass wir bei dem oder den betroffenen Menschen nachfragen, wie denn ihre Sicht der Angelegenheit ist. Wir sollten mutig sein und immer möglichst sofort nachfragen, ob unsere Gedanken um diese belasteten Themen herum wirklich der Situation entsprechen oder nicht. Es ist sehr wichtig, dass wir die Ansichten unserer Mit-Menschen in unsere Wahrnehmungen miteinbeziehen. Es geht nicht darum wer recht hat, oder nicht, sondern einfach darum die jeweils andere Sicht innerhalb der Situation, der Gefühle und Umstände der betroffenen Menschen mitzubekommen, denn so können sich negative Projektionen weniger gut festsetzen. Wir tragen viele Glaubenssätze in uns, welche sich im Laufe der Zeit zu starren Selbst- und Weltbildern geformt haben. Diese projizieren wir bei leichtester Berührung mit unseren heiklen Themen meist ganz unbemerkt auf die Menschen und Situationen in unserer Umgebung. Oft schützen wir unsere Überzeugungen als wären es wertvolle Schätze, die es mit unserem Leben zu verteidigen gilt.
Wir sind alle fehlbar, nicht nur die Anderen. die Anderen gibt es nicht. Das Leben ist voller „Scheinbarkeiten“. Irren ist sehr menschlich. Wenn wir bei unseren Mit-Menschen grosszügig hinsichtlich Ausrutscher sind, so können wir uns diese auch für uns selbst erlauben. Perfektion ist eine tote Sache. Das Leben fordert Kreativität und Flexibilität.
Vertrauen ist die Blütezeit, wenn sich aus der Saat, aus dem Pflänzchen, all die Jahreszeiten hindurch mit ihren wechselnden Klimaverhältnissen, ein fester Strauch, oder Baum entwickelt hat. Wenn die Blütezeit erfolgreich verläuft, so entwickeln sich Früchte, welche mit allen Wesen geteilt werden können.

Okober

Wie fliessendes Wasser

Die Zenmeister sagen uns, dass wir nur durch das Vermeiden absichtsvoller Handlungen unseren Geist von den Abhängigkeiten an Objekten befreien können. Diese Aussage will uns nicht zur Untätigkeit, oder zur Vermeidung von entschlossenem Handeln führen. Sie soll uns dazu führen die eingefahrene Annahme, dass „ich“ der Handelnde bin, zu hinterfragen. Wenn wir in diese Richtung schauen, so können wir beim besten Willen keinen Handelnden einer Handlung finden. Die Wissenschaftler aller Wissenszweige haben bisher vergeblich nach diesem Ursprung aller Bewegung gesucht, da das Gesuchte immer wieder auf den Suchenden zurückweist. Dies scheint für unseren Verstand sehr verwirrend zu sein, da wir wie selbstverständlich davon ausgehen, dass „ich“ trinke, esse, schlafe, arbeite atme, mich bewege und so weiter. Betrachten wir diese Tätigkeiten jedoch etwas näher, so entdecken wir, dass es unser Körper ist, der wacht, arbeitet, schläft, isst, trinkt, atmet und so weiter und dass wir die Quelle der Impulse zu diesen Tätigkeiten, an einem nebulösen Ich festmachen, das nicht lokalisiert oder ausfindig gemacht werden kann. Dies ist ein Ich, das sich als Konzept in unserem Verstand einnistet, sich über all unsere Wahrnehmungen hinwegsetzt, sich als Kommandanten einer nichtexistenten Steuerzentrale etabliert und sich anmasst das Bezugssystem all unserer Wahrnehmungen zu sein. Dieses Ich sieht sich als Subjekt, sowie alles andere als seine Objekte und teilt so „seine“ Wahrnehmung in den Wahrnehmenden und das Wahrgenommene ein. Das Ich definiert sich als Körper, Psyche, Geist, Seele und mit allem was es sich identifiziert. All dies geschieht willkürlich und hängt von seinem Glauben ab. Es glaubt, dass all das in „seinem“ Körper steckt, sieht sich jedoch nicht als Wahrgenommenes, sondern als Ausgangslage aller Wahrnehmung, als jemanden um den sich die ganze Welt dreht. Üblicherweise glauben wir unerschütterlich an dieses Ich und betrachten es als verantwortliche Instanz unseres Wohlergehens, ja unseres Lebens schlechthin, obschon es nirgends lokalisierbar oder auffindbar ist. Dieses Ich ist, obschon in unserem Umgang miteinander sehr nützlich, einfach absurd.
Im Zen gehen wir davon aus, dass das Leben sich selbst lebt, dass sich das Leben, ohne Bezugnahme auf ein getrenntes Ich, das alles in Subjekt und Objekt spaltet, aus sich selbst heraus und natürlich bewegt. Die Bewegung des Lebens wird wie fliessendes Wasser gesehen, das stets und ohne zu zögern der natürlichen Tendenz seines Wesens folgt. Der ins Leben integrierte Mensch benutzt sein Ich-Bezugssystem wenn es notwendig ist, er wird nicht von ihm benutzt. Er glaubt nicht an eine Trennung innerhalb des Erlebens, innerhalb des Gewahrseins. Der integrierte Mensch macht nicht das Leben zu „seinem“ Leben, sondern lebt wie fliessendes Wasser, stets dienend und unauffällig unterstützend, erfrischend, belebend, biegsam, spontan, direkt, humorvoll, spielerisch - mit einem Lächeln auf den Lippen und im Herzen.rostfarben angehauchte Wälder
mischen sich mit Nebelfelder
bunte Blätter tanzen
woher, wohin?
wieder und wieder
alles bewegt, gedreht
vorbei, vorbei
und bleibt doch hier

September

Maskierte Macht

Was hat Lieb- und Gutsein, nur das Beste für alle zu wollen und es möglichst allen Menschen recht zu machen, mit Macht zu tun? Wir wollen vielleicht ja nur gutes für uns und die uns nahe stehenden, „geliebten“ Menschen.
Doch vielleicht lieben wir diese Menschen gar nicht wirklich, sondern brauchen sie nur.
Sich anpassen, es anderen und sich selbst recht machen zu wollen bedingt sich zu beherrschen. Dies hat mit herrschen zu tun, also mit Machtansprüchen. Es entstehen versteckte und daher maskierte Machtansprüche, dabei wollen wir sicherlich, natürlich nur das Beste – für alle und für uns. Wir wollen vielleicht die Situation unter Kontrolle bringen, oder ein einheitliches, überschaubares Lebenskonzept für uns selbst etablieren. Wir wollen vielleicht nur Situationen und Umstände beruhigen, absehbarer, handhabbarer und umgänglicher machen. Wir wollen vielleicht nur Unsicherheiten und Haltlosigkeiten, sowie die daraus entstehenden Gefahren vermeiden. Was wir damit jedoch insgeheim wollen, ist weniger vom Leben berührt zu werden, weniger dem Leben ausgesetzt und ausgeliefert zu sein. Wir wollen damit sicherlich keineswegs Macht ausüben, oder anderer Menschen Leben manipulieren, sicherlich nicht andere Menschen in ein Leid führen, oder irgend eine Form von subtiler Gewalt anwenden. Doch genau das machen wir damit. Vielleicht wollen wir einfach nur in Ruhe gelassen werden und aufatmen dürfen und nach unseren Vorstellungen leben dürfen und endlich aus den Schatten unserer „Beherrschern“, wie Eltern, Verwandten, Vorgesetzten, Ehepartner, Vertragspartner, moralisch oder sonst wie verpflichteten Menschen, sowie aus unserem eigenen Schatten, treten dürfen und.. und…. Doch dahinter steht immer Angst, Furcht und mangelndes Vertrauen in das Leben. Da wir das Leben sind, das sich lebt, heisst dies auch, dass das Vertrauen in uns selbst fehlt. Mangelndes Selbstvertrauen. Mangelndes Selbstvertrauen entsteht aus mangelnder Selbstliebe und mangelnde Selbstliebe entsteht, weil wir vielleicht in der Kindheit und wahrscheinlich auch später noch, nicht geliebt, geschätzt und gewürdigt wurden, weil wir nicht erfahren haben, wie es sich anfühlt bedingungslos geliebt zu werden, weil uns vielleicht zuwenig offene und ehrliche Kommunikation entgegengebracht wurde und weil wir zuwenig Gelegenheit hatten Selbstliebe den richtigen Nährboden zu geben. Wo hätten wir denn solches auch lernen sollen? Doch ein Mensch, der sich selbst noch nicht lieben kann, kann auch niemand anderen wirklich schätzen, würdigen und lieben. So dreht sich diese Spirale scheinbar endlos über alle Generationen weiter, bis sie wieder mal von jemandem durchbrochen wird.
Ohne durch den immensen Schmerz des Selbsthasses, der ganzen angestauten Frustration, all den Schuldgefühlen, Schuldzuweisungen, Abspaltungen, den daraus folgenden Projektionen und deren Energieverknotungen zu gehen, werden wir nicht wirklich Selbstliebe erfahren können. Wenn wir nicht fähig werden unsere maskierte Macht fallen zu lassen kommen wir nicht aus der Machtspirale, welche uns scheinbar „von aussen her“ knechtet heraus. Denn diese Macht, welche über uns zu liegen scheint hat ihre Wurzeln in uns selbst.

Unser Leben benötigt keine Anpassung an irgendetwas ausserhalb, oder innerhalb von uns selbst, sondern die Fähigkeit einfach all dieses Erleben, all dieses Wahrnehmen, alle Eindrücke und Erscheinungen, als das eigene Dasein zu umfassen. Ein liebevoller Umgang mit dem Leben als Ganzes, als Ungespaltenes, ergibt sich aus der einfachen und umfassenden Erkenntnis, dass wir als Menschen nur erkennen, wahrnehmen und erleben können, was wir auch tatsächlich sind.
Es kann nichts ausserhalb oder innerhalb unseres Hierseins existieren.

August

Herz-Geist

Liebe ist die machtvollste und ursprünglichste Energie überhaupt. Wir können auch sagen alles Existierende ist Liebesenergie. Unser Dasein ist Liebesenergie. Wir sind Liebe. Liebe ist alles was ist. Liebe ist Feuer, unwiderstehliches Feuer. Alles geschieht aus Liebe.
Liebe ist der Ursprung jeder Bewegung. Liebe ist Ursprung, Bewegung und Existenz als Eines. Liebe wendet sich dem manifesten Leben zu und alles Leben wendet sich unausweichlich der Liebe zu. Liebe verbrennt uns in ihrer Dynamik des Vereinens und Auflösens. Liebe entflammt alle Trennungen, Begrenzungen und Isolierungen. Vor der Liebe kann kein „Mein, Dein, Ich und die Anderen“ bestehen. Wir können daher auch sagen Liebe wirft jede Manifestation in ihr läuterndes Feuer. Wenn wir durch Liebe viel Schmerz und Leid erfahren, so weist sie uns vielleicht damit auf verdrängte Bereiche, oder eben auf Wahrheit hin. Nichts enttäuscht, beendet Täuschung, so sehr wie Liebe. Durch unsere Identifikationen tendieren wir dazu aus Liebesenergie „unsere“ Liebe zu machen, sie auf „den oder die Andere/n“ zu projizieren und an „unseren“ unerfüllten Erwartungen zu leiden. Wahrscheinlich ordnen wir wegen unseren anhaftenden Tendenzen mit Wesen und Dingen der Liebe eher den weltlichen Bereich zu.
Dem Geist hingegen ordnen wir eher den unmanifesten Bereich, die Fantasie, das Jenseits, der Himmel, oder das Paradies zu. Doch unser Geist selbst ist die Ursache unserer dualistischen Lebensanschauungen. In konditioniertem Zustand wütet der Geist durch Illusionen und Einbildungen auf jede nur erdenkliche Weise. In religiösem Wahn entrückt er uns der Welt, welche wir dann als Jammertal und als Gegenteil unserer Paradiesfantasien erleben. Wahrscheinlich siedeln wir unseren Geist in die religiöse, spirituelle Dimension um einen Ausgleich und einen Gegenpol zum scheinbar weltlichen Dasein zu schaffen.
Es gibt jedoch keine getrennten Dimensionen. Materielles und Spirituelles sind nur in unserer Einbildung getrennt.
In unserer Welt des dualen Erlebens erzeugt der Trennungsgedanken des Ichs zwischen Liebe und Geist einen schier unüberwindlich scheinenden Abgrund. Die Mystiker aller Zeiten befanden sich immer wieder im Spannungsfeld zwischen Liebe und Geist und rangen um Vereinigung dieser, in ihrer Dynamik so unterschiedlich scheinenden Kräfte. Der Ausspruch “Ach zwei Seelen leben in meiner Brust!“ wurde im Volksmund sehr geläufig. Dieser Konflikt ist sehr schmerzhaft und zeugt von Verstrickungen mit dualen Glaubenssätzen und religiösen Dogmen.
Geist ist Ursprung, Bewegung und Existenz als Eines. Geist und Liebe sind Eins.
Ebenso gibt es nicht wirklich verschiedene Arten von Liebe; weltliche oder konditionierte und unkonditionierte Liebe. Liebe ist alles was ist. Liebe verbrennt alle Definitionen und Zuordnungen. Liebe ist der Feuersturm unserer Wesensnatur, welche sich immer frei, ungebunden, offen, weit und unfassbar als Ursprung allen Seins offenbart. Herz-Geist umfasst und durchdringt die ganze Existenz. Geist und Liebe sind nur zwei verschiedene Namen, welche wir für die Zuordnung unterschiedlicher Dynamiken des unfassbaren Mysteriums unseres Menschseins benutzen.
Alles ist heilig und alles ist profan oder nichts ist heilig und nichts ist profan. Hören wir doch also auf damit aus unseren Alltäglichkeiten etwas Heiliges, oder etwas Profanes zu machen, denn jenseits dieser zwei Seiten derselben Münze liegen das Lachen, die Freude, das Feiern und die Zuversicht eines spirituell erwachsenen Menschen. Durch diese Lebensweise kann viel Dankbarkeit entstehen.
Könnte vielleicht Dankbarkeit nicht sogar überhaupt als die höchste spirituelle Ausdrucksweise verstanden werden?

Juli

Kleine Turbulenzem - gefährliche Wirbel

Solange wir in Form, das heisst mit Körper leben, werden wir den Gesetzen der Erscheinungswelt folgen müssen, ob wir dies mögen oder nicht. Durch unsere Erscheinungsform befinden wir uns hier, solange wir leben, mitten im Lebensstrom. Wir nennen dies Lebensstrom, weil sich das Leben in seiner Erscheinung ununterbrochen im Wandel befindet und niemand diesem steten Werden und Vergehen ausweichen kann. Wir können diese Dynamik Schicksal nennen. Wie wir es auch benennen, wir werden durch dieses unausweichliche Bewegtsein Reibung und sich stets verändernde Umstände erfahren. Wir erleben stete Veränderung ausserhalb unseres vielschichtigen Körperuniversums, wie innerhalb dieses unglaublichen Erlebniswerkzeuges. Diese Grundbedingungen unseres Daseins sind in sich schon schwierig genug, doch unser Ich möchte das Unmögliche, nämlich Kontinuität und Sicherheit. Jedoch Bewegtsein erzeugt Strömungen, Turbulenzen und Wirbel.
Jeder Mensch ist ein Energieereignis. Unsere Begegnungen führen zu Resonanz und Dissonanz, Anziehung und Abstossung und auch diese Phänomene sind in steter Veränderung begriffen. Es gibt nur relative Sicherheit und relative Konstanz in unserem Erleben, mit unserem Erleben und dem was wir „uns“ nennen. Wir werden mit all unserem geistigen Gepäck vom Lebensstrom erfasst, mitgerissen und begegnen unausweichlich kleinen Turbulenzen bis gefährlichen Wirbeln. Dies macht unser Erleben spannend, ekstatisch, bis hin zu abgrundtief leidend. Was uns in die Leidensstrudel hineinreisst sind Vorstellungen, Glaubenssätze und Konditionierungen, die zu Anhaftungen und Abhängigkeiten mit eben diesen sanften, oft so glückverheissenden Turbulenzen führen, welche sich jederzeit in gefährliche Wirbel und Strömungen verwandeln können. Diese reissen uns dann in einem Schmerzwirbel mit auf den Grund der Abhängigkeit und lassen uns Enttäuschung, eben Ende der Täuschung, erleben und können uns, so wir aufmerksam sind, darauf hinweisen, dass wir im Leben immer wieder das ernten werden was wir aussäen.
Gerade einen schmerzvollen Wirbel hinter mir lassend, versuche ich nun mit frisch gewonnen Einsichten wie zum Beispiel „ bejahender Entschlossenheit“ meine Reise etwas zu stabilisieren. Bisher wanderte ich eher zwischen einer bejahenden aber erduldenden Haltung und einer Entschlossenheit mit klarer Ausrichtung hin und her. Vielleicht dachte ich bejahend, heisse Vertrauen in das Leben und dieses Vertrauen sollte in einer passiven Haltung geschehen, damit „ich“ dem Vertrauen nicht in die Quere komme. Vielleicht dachte ich auch Entschlossenheit sei etwas, das einer klaren, und dadurch unbeugsamen Haltung entspringen sollte.
Doch „bejahende Entschlossenheit“! Was für eine wunderbare Verbindung und Vereinigung von Geschehenlassen und Handlungsfähigkeit. Dies ermöglicht uns in einer klaren, selbstbestimmten und flexiblen Dynamik vertrauen in das Leben zu finden. Entschlossenheit sollte daher nie etwas statisches, zielorientiertes sein, sondern einfach die Bereitschaft mit Selbstachtung durch den ganzen Prozess hindurch zu gehen.
Den unglaublich raffiniert arrangierten Dramen des Lebens ist sehr schwer zu entkommen. Bei allen Verstrickungen und Verwicklungen mit der, dem oder den Anderen, sowie mit den äusseren und inneren Umständen, sollten wir nie vergessen, dass es um Selbsterkenntnis geht, das heisst um „meine“ Anhaftungen und Abhängigkeiten. Es geht nie um etwas anderes, egal was wir glauben, denn alles was „hier ist“, ist immer alles was „ich bin“.
Wieder und wieder rufe ich mir zu: „Saajid, Saajid lass dich nicht täuschen!“
Wir werden wohl immer wieder getäuscht und enttäuscht werden und uns zurückrufen müssen, doch lasst uns nie glauben, dass das Leben Illusion sei, denn sonst vertiefen wir nur unsere Abspaltungen.
Vertrauen heisst immer und immer wieder die bejahende, entschlossene Bereitschaft sich vom Leben zutiefst berühren zu lassen.

Juni

Wie Erde schmeckt

Unser Verstand wird von Kindheit an mit Glaubenssätzen und Strategien vollgestopft. Diese Ablagerungen nehmen mit der Zeit eine unglaubliche Dichte und Fülle an; ein System aus sich selbst erhaltenden, schützenden, stützenden und untermauernden Annahmen und Vermutungen, welche sich als Tatsachen ausgeben. Üblicherweise wirft sich unser Verstand mit all diesem klebrigen Zeugs auf unsere Wahrnehmung und führt uns dadurch in unzählige Leidenssituationen hinein.
Es ist jedoch möglich unseren Intellekt auf sich selbst zu richten und in einem mehr oder weniger intensiven, schmerzhaften und aufwühlenden Prozess, das Labyrinth unserer Anhäufungen durchzuforsten, mit der Frage nach dem Wahrheitsgehalt zu konfrontieren und dadurch aufzulösen. Es darf jedoch nicht vergessen werden solche Prozesse entschieden durch wiederkehrende Hinwendung an unser einfaches Hiersein (Zazen / Vipassana) zu stützen.
Hier eine kurze Momentaufnahme (aus einem Brief eines Freundes), als Einblick in die Möglichkeit der Selbsterforschung mit dem Verstand und durch den Verstand:

Ich pflüge durch die Felder der Vergangenheit und entdecke fast nur Schrott. Die Antworten sind schon gegeben. Die Fragen überflüssig. Ich hänge in den Seilen, es ist ein Ringen, eine Art Untergrundkampf. Ich schreibe mir seitenweise und tausendwörterweise die Vergangenheit vom Leib resp. vom Hirn. Ich versuche den unmöglichen Spagat zwischen Leben und Tod zwischen hier und dort zwischen ich und du. Wobei das Du und das Ich schon Annahmen sind. Ich habe mein Leben mit Annahmen verbracht und mir nie Rechenschaft über die Gewissheit abgelegt. Alle Aussagen habe ich in mir aufgenommen und sehr oft zu "wahr" erklärt. Nicht nur die der Eltern, der Lehrer, der Freunde, auch die der schlauen Verkäufer, egal welchen spirituellen Couleurs und mit welcher Botschaft und immer wenn etwas Neues kam dachte ich "jetzt hab ich’s, nun bin ich der Sache näher". Aber je näher ich komme (mir?) je mehr merke ich "die Kacke ist am dampfen" und wahr ist weit weg! Ich habe in der Vergangenheit eine Art schussfester Weste oder Panzeranzug über mich gestülpt und mich gegen Infragestellungen meiner Überzeugungen immun und unverwundbar gemacht. Wären da nicht diese Ängste gewesen, hätte ich mein Leben auf ganz "normale" Art und Weise mit einer "anständigen" Krankheit, oder vielleicht einem gesellschaftlich akzeptablen Herzinfarkt, abgeschlossen …
Ich habe bemerkt dass in meinem "System" etwas "schief läuft" oder anders gesagt, dass dieses Alarmzeichen, Weckrufe von sich gibt.
Normale Reaktion: sofort eingreifen und Abhilfe schaffen. Dann folgt Erkenntnis "Abhilfe auf herkömmliche Art" ist inkompatibel zu meinem System. Danke. Neuer Versuch: zurückgreifen auf Erfahrung und alte Muster. Erneut anwenden, vielleicht etwas heftiger, mehr entschlossen. Kompatibilität vorhanden - aber kein nutzen! Danke. Neuer Versuch: Flucht nach vorne, ignorieren und per denken "ins Exil senden". Nicht kompatibel mit meinem System. Danke. Neuer Versuch: Gurus und spirituell anerkannte Personen aufsuchen oder Bücher von ihnen lesen und um Rat fragen. Bücher auswendig lernen, rezitieren. Kompatibel mit System, aber keinen Erfolg, da kopieren anderer Lebensmuster unmöglich! Danke. Aktueller Versuch: eigenes Lebensmuster akzeptieren, anerkennen und zulassen. Versuchen auf Beobachtungsposten zu gehen. Erfolg: noch ausstehend, Prozess schmerzhaft…………

Wenn wir mit solchen Untersuchungen beginnen, werden wir sehr in Aufruhr geraten, da wir unausweichlich über das wirkliche Ausmass unserer Lagerhalle schockiert sein werden. Diese Art von Zeilen sind Perlen, unangenehme durchdringende Blicke in eine mit mehrfach verdrehten Lügengeschichten gepflasterte Projektionsrealität; und es werden immerzu neue Lügengeschichten zum Vorschein kommen. Ein Ende der Entillusionierung wird für lange Zeit nicht absehbar sein. Dies wird für unser spirituelles, zum Licht strebendes Ich alles viel zu sehr dunkel und zu depressiv erscheinen, doch wir sind so sehr daran gewöhnt den üblichen wohlriechenden Lügenzauber als Wahrheit zu betrachten, dass wir vergessen haben wie Erde schmeckt.
Erde ist nährend, umhüllend, keimend, mitfühlend, behütend, vorbereitend, schützend, demütig und empfänglich.
Ja, sehr empfänglich für Licht. Ein winziger Lichtstrahl in grosser Dunkelheit wird einen riesigen Raum erleuchten können.

Mai

Erwachen heisst einfach erwachen, nicht irgendwohin

Unsere Körper sind Ereignisse, Geschehnisse mit denen wir unsere Welt erleben. Ereignisse sind sehr flüchtig und unvorhersehbar. Wir vergessen oft, dass diese Welt ein Teil unseres Körpers ist und dieser Körper ein Teil unserer Welt. Alle Körper sind Ereignisse. Sie sind nicht unser Besitz, wie wir so oft glauben. Diese Ereignisse sind uns jedoch so nahe, so intim, dass wir von ihnen meistens in der Ichform reden. Wenn dieser Körper sich bewegt, dann sagen wir ich handle. Es ist jedoch nicht immer sicher, dass sich dieser Körper so bewegt wie ich will.
Es ist nicht selbstverständlich, dass unser Körper so wunderbar für uns funktioniert, wie wir es, in so unglaublicher Arroganz und Ignoranz, von ihm erwarten, oder gar fordern. Diese Tendenz von allen Erscheinungen Besitz zu ergreifen erzeugt unsägliches Leiden in unserem Lebensraum.
Das Leben gibt und nimmt ohne uns zu fragen. Alles was geschehen soll geschieht unausweichlich, auch wenn wir einigen Spielraum erhalten und uns viel bezüglich Bewegungsfreiheit vormachen dürfen. Wir können mitschwimmen, oder uns gegen die Flussrichtung auflehnen, doch der Lebensstrom wird unbeirrbar seine Bahnen ziehen. So wie all die Menschen vor uns in die Manifestation gekommen und wieder gegangen sind, so werden auch wir durch den Schleudergang des Lebens gespült. Das Leben geschieht nicht ausserhalb von uns da Draussen, auch nicht innerhalb von uns da Drinnen. Das Leben geschieht ungetrennt. Auch wenn wir das nicht mögen, so ist es doch so, dass das Leben niemanden besonders berücksichtigt. Es scheint so, dass einige Menschen besonders mit Glück und andere mit Unglück überhäuft werden. Doch die Ereignisse bleiben immer flüchtig und unvorhersehbar. Glück und Unglück wandeln sich.
Wir erwarten sehr viel vom Leben, mit all unseren Hoffnungen und Wünschen, mit all unseren Bedürfnissen nach Sicherheit, Beständigkeit und Geborgenheit, doch das Leben wird nur eines mit Gewissheit tun – vorüberziehen.
Diese Tatsache hat eine sehr schmerzliche Wirkung auf unser ichverhaftet-sein. Unsere unglaubliche Hektik rührt daher, dass wir mit allen uns zur Verfügung stehenden Strategien diesem Schmerz auszuweichen versuchen. Wenn wir dieser Dynamik nicht mehr folgen können, so werden wir wahrscheinlich doch weiterhin diesen Urschmerz vermeiden wollen. Könnte es sein, dass unsere Hinwendung zur Spiritualität ebenso dieser Schmerzvermeidung dient und wir nun dort nach einer Lösung, ja Erlösung suchen? Vielleicht suchen wir dann nach einem besseren Ort in uns. Doch in unserem Wesen gibt es keinen Ort wohin wir gehen oder wo wir bleiben könnten.
Erwachen heisst nicht in etwas neues hineinzuerwachen, denn das wäre dann ja ein neuer Traum, mit demselben Schmerz der Vergänglichkeit, weil alles was ein Anfang hat auch ein Ende haben wird.
Müssten wir nicht hinter allem Suchen und Streben, allem Habenwollen und Vermeidenwollen unsere lebensverneinende Haltung wiedererkennen?
Wir sollten in Betracht ziehen, dass wir noch nicht angefangen haben zu leben, denn die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns bisher während unseres Lebens Tod gestellt haben ist weitaus grösser.
Erwachen heisst einfach erwachen, nicht irgendwohin.

April

anfägnergeist

spirituelle erfahrungen sind wichtig, aber meistens klären sie nicht unseren geist, sondern sind vielmehr eine bürde auf dem weglosen weg.
ideen, vorstellungen, hoffnungen und wünsche kleben sich an diese erfahrungen und führen uns oft in die irre. wir verlieren unseren anfängergeist, die unbeschwertheit des nichtwissens. wir halten uns meistens an den erfahrungen fest, möchten wiederholungen, oder immer mehr von, was auch immer wir glauben, das es ist. das spirituelle ich ergreift blitzschnell diese erfahrungen und zögert nicht sie für sich nutzbar zu machen. es lernt schnell und tarnt sich gut. es pumpt sich mit wissen voll und wir glauben gar spirituelle fortschritte zu machen. doch jeder fortschritt ist nur einen schritt fort von der wirklichkeit unseres hierseins. wir glauben vielleicht daran, dass es unser ich gar nicht gibt, dass alles bewusstsein ist. wir haben dies gehört, gelernt und übernommen. aber wahrscheinlich werden wir unsere egospiele einfach im versteckten weiterspielen.
nur durch eine stetige radikale überprüfung unserer glaubenssätze und überzeugungen werden wir den raffinierten und unglaublich vielschichtigen vernebelungen und verdrehungen auf die schliche kommen. doch selbst wenn wir ihnen auf die schliche kommen, warum sollten wir sie aufgeben? das ego wird uns weiss machen, dass wir dabei nur verlieren können. also werden wir wahrscheinlich eher weiterträumen wollen, so tun als ob und wichtige spirituelle fortschritte anstreben. applaus und bestätigung werden wir dafür überall genug finden können, denn gemeinsam träumt sich besser. doch die dinge sind nicht das was sie scheinen. unsere wahrnehmung lässt sich leicht täuschen und durch die ichgebundenen kräfte mühelos verzerren.
das ego ist wie ein teppich aus unzähligen unsichtbaren fäden der ichverhaftung gewoben. der traum des selbstes ist jemand mit tausend masken zu sein.
selbsterforschung ist der schmerzhafte prozess der ent-illusionierung, ent-täuschung, ent-wöhnung und ent-kleidung des selbstes von der ichverhaftung. durch diese ent-kleidung wird dem selbst das nichtselbst bewusst. das selbst erlebt sich vorerst getrennt vom nichtselbst, ja geradezu im gegensatz dazu und fürchtet darin zu verschwinden -aufgelöst zu werden. jedoch fühlt es eine unglaublich starke sehnsucht nach dem nichtselbst. wie ein versprechen nach hause zu kommen. für das getrennte selbst wird dies wie eine todessehnsucht erlebt. es fühlt sich hin und hergerissen, in flammen stehend im paradox erfüllung zu finden, jedoch nichts zu sein, nachhause zu kommen, jedoch ausgelöscht zu werden.
meditation ist eine strategie um eingebildetete brücken
über eingebildete gegensätze zu bauen.
eine brücke von selbst zu nichtselbst,
von einzigartigkeit zu all-eins-sein,
von form zu leere,
bis all diese trennungen in unserem erleben verschwinden.

März

brennendes haus – stille see

du wirst immer wieder entzündet werden müssen, bis du lichterloh brennst, bis du wie eine fackel bist, welche alle trägheiten und gewohnheiten erhellt, deine vorstellungen und glaubenssätze verbrennt und licht in dein muffiges kellerdasein bringt.
du wirst mit wehenden armen herumrennen, verzweifelt dein haus zu löschen versuchen und es doch immer wieder von neuem in flammen setzen müssen.
du wirst versuchen deine möbel, deine habseligkeiten vor dem wütenden feuer zu retten, all deine wertvöllereien aus dem haus ins rettende freie tragen und doch alles wieder zurück ins brennende haus werfen müssen.
du wirst in deinem verstand brandspuren bekommen, amok laufen, mit dem schicksal ringen, um aufschub betteln, doch genau das wird dich noch wacher für die tatsache deiner lebenssituation machen und du wirst nicht mehr wegschauen können, wie du das leben mit füssen trittst, während du in eigensinnige träume der getrenntheit fliehst.
du wirst die schlafenden beneiden, welche von all den scheinbar so netten begebenheiten, wie macht, wohlstand und erfolg träumen und zurück in deinen unangenehmen, aber vertrauten dämmerschlaf fallen wollen, doch dein haus brennt und du wirst nicht vergessen können, dass die häuser aller menschen brennen, denn die vergänglichkeit wird auch über sie herfallen, unvorbereitet, unangemeldet, mitten im traum.
du wirst dein haus anzünden und gleichzeitig retten wollen und das ist gut so, denn du sollst dich nicht einfach nur niederbrennen, wie die menschen es mit ihrer kostbaren lebenszeit tun, um sich mit ein bisschen wertloser, inhaltsloser und lustloser freizeit zufrieden zu geben.
du wirst eine brennende, lebende fackel der klarheit und wachheit sein, jeden augenblick deiner zeitlosen gegenwärtigkeit mit grosser intensität schätzen und mit deinem lebendigen, wachen, brennenden dasein ausdruck verleihen.
du wirst den menschen widersprüchlich und unlogisch erscheinen und sie werden vor deinem brennenden haus fliehen, damit nicht ihr eigenes haus in flammen gerate und sie sich ihrer wertlosen wertpapiere, wert-vorstellungen und selbstwertlosigkeiten bewusst werden müssen.
du wirst innehalten, lichterloh brennen und gleichzeitig eine stille, weite see sein, von keinem verstand mehr zu erfassen und keinen wie auch immer gearteten schafhirten mehr rufen, um dich innerhalb deiner aus angst geflochtenen umzäunung mit einer kümmerlichen, sorgen-umwobenen schafweide zu begnügen.
du wirst in die stille weite see deines hierseins tauchen, doch dein feuer wird nur umso heller brennen, denn du wirst den lebensgrund berühren und wie ein phönix aus deiner eigenen asche steigen - das feuer, das haus, die stille see und das ganze leben sein – das leben das sich lebt.
du wirst als verrückt angesehen werden, von all den traumwandelnden menschen, welche ihre särge schon zu lebzeiten auf ihren rücken tragen und ihr leben auf ein später verschieben, das sich nie ereignen wird.
doch in wirklichkeit wirst du zum ersten mal in all deinem erleben nicht ver-rückt sein.

Februar

das leben neigt sich dem sterben zu
das sterben neigt sich dem leben zu


bewegung bedingt anziehung, denn ohne anziehung entsteht keine bewegung und bewegung erzeugt gegenbewegung. ohne gegenbewegung verlieren wir das gleichgewicht. gleichgewicht bedeutet bewegung und gegenbewegung auszubalancieren.
unser leben bewegt sich dualistisch. es wandert immer zwischen polen. wir geben ihnen vielleicht namen wie gesund - krank, schön - hässlich, opfer – täter, tag – nacht und so weiter, aber egal was für namen wir diesen kräften geben, sie sind immer einander entgegen gesetzt und sie bedingen einander. ein pol kann nicht für sich alleine stehen.
wir erleben das leben meistens durch identifikation, das heisst, wir neigen uns einem pol zu und erzeugen dadurch eine spannung, welche uns in die entgegengesetzte richtung zieht, denn jeder pol kann nur durch sein gegenpol bestehen. diese spannung ist sehr oft der antrieb und auslöser unseres handelns, daher erleben wir unser weltliches dasein vielleicht mehrheitlich als leidensprozess – oder als die vertreibung aus dem paradies.
leben bedingt sterben und sterben bedingt leben. es sind nicht zwei, sondern ein phänomen, denn leben und sterben geschehen zusammen. üblicherweise versuchen wir leben zu mehren und sterben zu vermeiden, dies ist eine grosse, leiden erzeugende verblendung, denn wir versuchen so die beiden pole einer kraft zu trennen. wir versuchen so die tatsache zu vermeiden, dass sterben unentwegt in jedem augenblick stattfindet. jeder noch so kleine schöpfungsakt bezieht seine energie aus sich dem sterben zuneigendem leben.
wir sollten sterben als ein viel umfassenderes phänomen sehen, als nur den körper zu verlassen. wir sollten die herausforderung annehmen leben und sterben als ein ungetrenntes, stets gegenwärtig stattfindendes phänomen zu verstehen und zu leben.
der aspekt des sterbens zeigt sich als entspannung, loslösung und sich dem leben zuneigende kraft. wie sollten wir je in frieden leben und sterben können ohne uns dem leben zuzuneigen?
der aspekt des lebens zeigt sich als anziehung, anspannung und sich dem sterben zuneigende kraft. wie sollten wir je in frieden leben und sterben können ohne uns der vergänglichkeit zuzuwenden?
unser leben entfaltet sich aus seinem wesensgrund. der wesensgrund beinhaltet, durchdringt und „ist“ das leben selbst – ist ganz - ungeteilt.
die gewissheit der einfachen tatsache unseres allgegenwärtigen hierseins nimmt dem leben und sterben seinen stachel und lässt die seligkeit unseres wesens aufscheinen.

ein schmetterling
auf einem arm des seiltänzers
welten entstehen und vergehen

Januar

entleerte fülle - erfüllte leere

es gibt ein viel erzähltes gleichnis. ein sehr reicher und eingebildeter könig hörte einst von einem erstaunlichen bettler, welcher behauptete, dass selbst der reichste mensch im königreich unfähig sei seine bettelschale zu füllen. der könig fühlte sich herausgefordert und liess den bettler zu sich rufen. der könig lachte ihn aus und fragte ihn mit was er denn diese lächerliche kleine bettelschale füllen solle. der bettler dürfe wählen, ob mit gold, silber oder edlen steinen. sobald die schale jedoch voll sei, so sei des bettlers leben ob dessen anmassung verwirkt. der bettler rückte jedoch nicht von seiner behauptung ab und so begann des königs schatzmeister ein paar goldstücke in die schale zu werfen. doch die bettelschale schien unersättlich, alles was an geld und gut hineinfloss verschwand darin. er begann die gesamte schatzkammer des königs zu plündern. völlig entnervt fragte der könig den bettler aus was denn diese erstaunliche schale gefertigt sei. der bettler antwortete, dass sie aus menschlichen schädelknochen geformt wurde.
diese bettelschale symbolisiert die dynamik des verstandes, den drang gewinn zu haben und verlust zu vermeiden. unersättlich reisst der verstand des menschen alles an sich und kann doch keine erfüllung finden. er häuft wissen über wissen und ist doch unfähig damit das leben zu berühren. er benimmt sich wie ein hungriger irrer, der die speisekarte stiehlt und das dargebotene essen unberührt stehen lässt. mit dieser bettelschale kann, egal was uns das leben auch bieten mag, nichts wirklich befriedigen. wir bleiben so selbst in üppigstem reichtum nur bettler.
mir scheint jedoch, dass diese geschichte einen zweiten teil benötigt:
dieser weise, der sich als bettler verkleidete, lässt nun den könig nicht in seinem elend hängen. er nimmt eine zweite schale aus seinem umhang. auch diese ist leer. er fordert den könig auf hineinzugreifen, worauf dieser einfache dinge des leben aus ihr heraus zieht, welche keinen wert zu haben scheinen. doch diese offenbaren sich dem könig nun in ihrem wahren wesen. erleichtert ob dem verlust der bürde seines reichtums und erfüllt mit der erkenntnis des wahren wesens, überlässt der könig seinen thron den neidern und verlässt seinen palast, um den weglosen wegen des weisen zu folgen.
dieses zweite gefäss symbolisiert die leerheit unserer wesensnatur.
das wesen des lebens ist immerzu einzigartig und überfliessend in seiner erscheinung. es kennt keine vorlieben. das leben ist, ohne unterscheidung und bevorzugung. es ist überall vollständig, es teilt sich nicht. es ist gleichsam in all den unterschiedlichsten facetten seiner manifestation anwesend. alle erscheinungen sind gleichsam in liebe gebettet. all die schier unendlichen erscheinungsformen werden leer genannt, da sie aus den energetischen kräften unseres wollens, hoffens und wünschens gewoben sind. sie haben kein eigenes wesen.
diese leerheit ist im aspekt der abwesenheit, die abwesenheit seiner verschleierung durch formgebung und im aspekt der anwesenheit, die anwesenheit von wesensnatur.
sie ist lebendige präsenz, hier-sein, gewahrsein, ursprung und quelle unseres daseins.