2011

Dezember

Verblendung

Einige Menschen leiden auf ihrem spirituellen Weg unter der Krankheit des Vielwissens, der Schlauheit und des Besserwissens. Sie leiden zum Beispiel an etwas, das wir als Neo-Advaita-Autismus bezeichnen könnten, wobei das Wort Advaita hier auch durch jede andere spirituell-trendige Bezeichnung (z.B. Zen, Sufismus, tibetischer Buddhismus usw.) ersetzt werden kann. Das Perfide an deren Äusserungen besteht darin, dass dem Wortsinn nach zwar nichts falsch, aber eben auch nichts wirklich richtig scheint, da die Authentizität in ihren Aussagen fehlt, womit ein intellektueller Austausch mit ihnen über ihr Thema nur noch tiefer in einen sich selbstbestätigenden und beweihräuchernden Leerlauf führt.

In unseren Retreats geht es nicht um dein Wissen oder dein Verständnis, sondern um deinen Standpunkt, das heisst darum, wo du auf deinem Weg gerade stehst. Wenn ein verwirklichter Mensch sich mitteilt, so kommen seine Worte nicht von gelesenem oder gehörtem, angesammelten Wissen, sondern aus eigenen authentischen, spontanen Erfahrungen und vor allem sind solche Aussagen dann auch immer getragen von Verständnis, Mitgefühl und Liebe.
Vielleicht ist unsere Wissensgier Ausdruck unserer besserwisserischen, sarkastischen, arroganten und respektlosen spirituellen Haltung und spiegelt unsere unterdrückte Wut und Enttäuschung wieder.
Sicher ist, dass wir mit all unserem vermeintlichen spirituellen Wissen eine schier uneinnehmbare Burg um uns herum errichten. Dahinter steht eine grosse Angst vor Verletzlichkeit und im Herzen berührt zu werden. Aber anstelle dieser Spur zu folgen brüsten, das heisst schützen wir uns mit unseren intellektuellen, ausgeliehenen, gelernten, nutzlosen Vorstellungen und Glaubenssätzen über die Wirklichkeit unseres Hierseins. Diese haben jedoch überhaupt nichts mit unserer unmittelbaren Wirklichkeit zu tun.
Der „Weg“ geht immer von da aus wo wir in Wirklichkeit stehen und unsere Retreats bieten genau diese Gelegenheit einer Standortbestimmung und zwar nicht einer Standortbestimmung unseres Wissens, sondern unserer Lebenssituation als Mensch mit unseren Möglichkeiten, Schwierigkeiten und Ängsten. Natürlich können sich dadurch unsere psychischen Kerkertüren mit all ihren versteckten Schatten öffnen. Doch sind es nicht wir als Menschen, welchen dadurch das Scheitern droht, sondern unserem Verstand mit seinen raffinierten Abwehrmechanismen, Glaubenssätzen und Verhaltensweisen.
Vielleicht sind wir verwirrt, weil unser Verstand vieles aus unserem angehäuften Wissen nicht einordnen kann. Vielleicht denken wir auch, dass wir nicht mehr selbst herauszufinden brauchen was unsere nächsten Schritte sein sollten, da sie ja eh geschehen werden und wir unserer Philosophie entsprechend ja gar nicht die Handelnden sind. Doch genau so funktioniert es eben nicht, so verabschieden wir uns nur aus unserer Verantwortung als menschliche Wesen. Wir sind nicht getrennt vom Leben, sondern das Leben selbst und alles was geschieht hat mit uns, unseren Haltungen und Einstellungen sowie unseren alltäglichen Handlungen und Entscheidungen, die wir unausweichlich fällen werden, zu tun. Entscheidungen werden geschehen, ob wir sie bewusst oder unbewusst tun. In Wirklichkeit gibt es keinen Ausweg um als Person aus dem Spiel der Wandlungen herauszutreten. Unser illusionäres Ich kann sich jedoch alles Denkbare vorstellen, was dann aber immer und unausweichlich im Leiden, im Gefühl der Trennung, in Gleichgültigkeit, in Arroganz und in Isolation endet.
Der weglose Weg geht von Hier nach Hier und wir sind aufgerufen unser Bestes zu tun, mit dem Bewusstsein dass wir nichts wirklich vollbringen können. Oder anders ausgedrückt mit grosser Entschlossenheit zu tun, was uns möglich ist, ohne unseren Willen ins Spiel zu bringen. Nur so können wir unser Leben ganz einfach und praktisch, mit grosser Freude, In Frieden und Glückseligkeit leben und erleben.
Und welchen Wolf fütterst du?
Ein alter Indianer sass mit seinem Enkelsohn am Lagerfeuer.
Es war schon dunkel geworden und das Feuer knackte, während die Flammen in den Himmel züngelten. Der Alte sagte nach einer Weile des Schweigens: “Weisst du, wie ich mich manchmal fühle? Es ist, als ob da zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen würden. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam. Der andere hingegen ist liebevoll, sanft und mitfühlend.”
“Welcher der beiden wird den Kampf um dein Herz gewinnen?” fragte der Junge.
“Der Wolf, den ich füttere.” antwortete der Alte.
Wollen wir auf unserem spirituellen Weg weiter unseren Verstand und Intellekt überfüttern oder sind wir bereit uns unserem Nicht-Wissen, der Unsicherheit, den Gefühlen, unserer Verletzlichkeit und somit auch unserem einfachen Menschsein, mit all seinen Schwierigkeiten und Freuden, zu zuwenden?
Folgen wir doch unserem Herzen, denn das Herz kennt keine Verwirrung und ist unserem Wesensgrund näher als unser Intellekt

November

Zeit ist Ewigkeit

Wir betrachten das Leben um uns herum und empfinden es oft als hektisch. Die Zeit scheint uns ganz allgemein durch die Finger zu rinnen. Alles geschieht in stetem Wandel und nichts kann festgehalten werden, nichts wirklich von Dauer sein. Die Sehnsucht nach Konstanz, immerwährendem Glück, unveränderlicher Sicherheit, unangreifbarer Geborgenheit, sowie andauerndem Frieden steht in heftigem Kontrast zum Erleben unseres Zeitempfindens. Natürlich stellt sich uns Menschen dadurch immer wieder die Frage nach der Ewigkeit. Was ist denn Ewigkeit? Existiert sie und wenn ja, wie können wir sie erleben?
Wir nehmen ganz selbstverständlich an, dass wir innerhalb der Zeit leben und Ewigkeit, von ein paar Heiligen abgesehen, unmöglich in unserem Leben erfahren werden kann. Jedoch, vielleicht ist unsere Wahrnehmung ja vollkommen verdreht.
Ist es denn wirklich so vermessen zu behaupten, dass unser Sein nur in der Ewigkeit stattfinden kann, dass es gar unmöglich ist so etwas wie Zeit zu erleben?
Doch schauen wir uns diese Behauptung im Detail näher an. Die Vergangenheit ist gelebtes Erleben, sie kann also nicht unser gegenwärtiges Erleben sein. Die Zukunft ist künftiges Erleben, sie kann also auch nicht gegenwärtiges Erleben sein. Bleibt also nur noch die Gegenwart. Die Gegenwart gibt es jedoch nicht als festumrissene Zeiteinheit, da sie in steter Bewegung ist, also keinen Anfang und auch kein Ende hat. Sobald wir die Gegenwart als Augenblick ergreifen wollen ist sie uns schon wieder entschwunden. Nicht, dass ein neuer Augenblick dazugekommen wäre, denn der alte Augenblick ist ja vom Neuen nicht zu trennen, also schon wieder Vergangenheit und stets Zukunft. Gegenwart gibt es als Augenblick nicht wirklich, wir sollten daher besser von Gegenwärtigkeit sprechen. Gegenwärtigkeit ist eine Eigenschaft menschlicher Erlebnisfähigkeit und keine Zeiteinheit. Unser Erleben könnte also tatsächlich und ganz offensichtlich in der Ewigkeit stattfinden. Zeit ist von Raum nicht zu trennen, Zeitraum ist ein unteilbares Phänomen. Zeitraum scheint ein mentales Konzept unseres Verstandes zu sein, welches mit unserer Erinnerungsfähigkeit von Zyklen, Wandlungen und deren Gesetzmässigkeiten zu tun hat. Diese werden ja erst durch unsere Wahrnehmung als solche erkannt - und vielleicht gar dort selbst auch produziert?
Buddha behauptete dass sich die Welt in unserem Geist (Verstand) abspiele. Natürlich ist dies eine unerhörte Behauptung. Denn sollte sie sich als richtig erweisen, so wären wir damit in derselben Situation wie einst Galileo Galilei im siebzehnten Jahrhundert mit seiner Behauptung, dass sich die Erde um die Sonne drehe und nicht umgekehrt. Ihm wurde übel mitgespielt, weil er sich nicht den Weltanschauungen herrschender kirchlicher Obrigkeiten vollumfänglich fügen wollte. Die Wirklichkeit kümmerte dies wenig. Die Erde drehte sich damals wie auch heute um die Sonne. In späteren Jahrhunderten setzten sich die Wahrheiten der Wissenschaften immer reibungsloser gegen kirchliche Vorbehalte durch. Die Kirche verlor zusehends an Macht. Doch die Wissenschaften bekamen zunehmend Probleme mit ihren jeweils für sicher geltenden Wahrheiten, denn sie wurden in immer kürzeren Zeitabständen überholt.
Stehen wir also heute vor einer Situation an der wir erkennen sollten, dass sich der Mensch nicht auf der Erde, sondern die Erde im Verstand des Menschen bewegt? Und was könnte diese Erkenntnis für unser Zusammenleben bedeuten?
Wir sollten uns jedoch vor voreiligen Schlussfolgerungen hüten, denn Wahrheiten sowie Irrtümer steigen wie Wellen aus der Tiefe desselben Ozeans. Die Dinge sind nicht so wie sie scheinen, denn Form ist Leere und Leere ist Form. Wie dasselbe Wasser je nach Umständen mal fest, flüssig oder gasförmig in Erscheinung treten kann, ebenso wandlungsfähig ist sicherlich auch der menschliche Geist

Oktober

Meister Kimpo's Nest

In unserem Kommunikationszeitalter scheint es eine Schande zu sein nicht über alles und jedes Bescheid zu wissen. Dank dem Internet hat sich für viele Menschen auch tatsächlich der Horizont gewaltig geöffnet. Doch der Schein trügt, denn wir vergessen dabei gerne, dass die Informationen mitunter selektiert, gefiltert und teilweise zensuriert werden und auch falsch sein können, ebenso, dass vermehrte Zugänglichkeit zu Informationen nicht vor Dummheit, Fehlinterpretation, Manipulation und Besserwisserei schützt. Ausserdem entzieht sich Weisheit und Erkenntnis von jeher der scheinbaren Macht stolzer Wissensfülle. Jedoch, über den Segen und die Gefahren endloser Wissensfülle zu debattieren sei hier jedem selbst überlassen.
Eine der Auswirkungen unseres Kommunikationszeitalters hingegen stimmt mich sehr bedenklich. Spirituelle Sucher scheinen plötzlich alles zu wissen. Es scheint keine Sucher mehr zu geben, nur noch Wissende. Die Phase des Suchens wird vielfach einfach übersprungen. Ausserdem „weiss“ ja mittlerweile jeder, dass letztendlich auch das Suchen fallen gelassen werden muss. Warum also nicht mit der Sahnetorte beginnen, wenn sie schon vor der Vorspeise auf dem gedeckten Tisch steht? Aus Sucher sind Finder geworden. Die Weisheitsbücherschwemme überschüttet uns dazu mit endlosem spirituellem Glaubensgut. Wir lassen uns nicht mehr von der Wahrheit finden, das nehmen wir selbst in die Hand. Ausserdem haben wir keine Zeit mehr uns von der Wahrheit finden zu lassen. Wir basteln uns die Wahrheit aus dem Sammelsurium unserer Informationsquellen lieber selbst und suchen uns die passenden Lehrer dazu. Wer überhaupt noch eine tägliche, konstante Meditationspraxis vertritt, scheint ja für viele der Wissenden oft eher altmodisch, oder etwas zurückgeblieben zu sein. Das Wort Meditation ist sehr modern geworden und mir stehen die Haare zu Berge was alles in diesen Begriff hineinpasst. Selten werden noch Fragen über Meditation oder Meditationspraxis gestellt. Viele Menschen scheinen genau zu wissen um was es dabei geht. Doch stimmt das wirklich?
Hier eine kleine Zen-Anekdote:
Meister Kimpo nahm ein Kissen auf und sagte: Jeder nennt dies ein Kissen, doch Meister Kimpo hat dafür einen anderen Ausdruck. Ein Mönch fragte: Wie nennt es der Meister? Der Meister nahm das Kissen zu sich. Der Mönch sagte: Wenn das wahr ist, so würde ich gerne deinem Tun folgen. Der Meister fragte daraufhin: Wie nennst du dies? Der Mönch erwiderte: Ein Kissen! Der Meister sagte erfreut: Du bist in Kimpo‘s Nest gefallen!
Die Bedeutung:
Der Meister wies mit seiner Handlung auf die Wirklichkeit der Dinge hinter Namen und Form. Der Mönch zeigte sich dem Meister ebenbürtig indem er eben dieses Jenseits von Namen und Form ganz einfach wieder ins Diesseits von Namen und Form zurück brachte.

Die Wirklichkeit des Seins ist immer unteilbar eins. Schau genau und direkt hin, ohne zu analysieren, ohne zu trennen, benennen und einzuordnen - ohne zu unterteilen in den Wahrnehmenden, die Wahrnehmung und das Wahrgenommene.
Lass das Gewahrsein ungeteilt, dann wirst du in Meister Kimpo‘s Nest fallen.

September

Standpunkte und Wahrheiten

Das Vertrauen in die Dynamik der Ganzwerdung geschieht, wenn egoistische Ziele fallen und einengende Systeme durchdrungen und durchleuchtet werden.

Ist es wesentlich an seinem Charakter zu arbeiten, diesen zu schleifen und zu verfeinern? Wenn ja, durch wen oder was sollte sie getan werden und von welcher Basis aus sollten wir diese Arbeit verrichten? Durch ein Ich mit spirituellen Ambitionen? Gemäss unseren Ideologien, oder unserer Moral und den ihr entsprechenden Glaubenssätzen? Warum sollten wir denn überhaupt Interesse daran haben unseren Charakter zu verfeinern? Unsere Ichs sind sicherlich nicht sehr daran interessiert, mit Ausnahme des spirituellen Ichs natürlich, das jederzeit für Verbesserungen des Charakters zugänglich ist, um spirituelle Ziele anzustreben, oder gutes Karma anzusammeln. In unserer Kindheit hatten wir vielleicht alle Hände voll zu tun um den vielen Anforderungen, welche von unserer Außenwelt an uns gestellt wurden, zu entsprechen und als Erwachsene übernehmen wir nun selbst diese Rolle, setzen uns und unsere Umwelt unter Druck und versuchen weiterhin den sinnlosesten und verrücktesten Anforderungen zu entsprechen. Selbstwertgefühle und Standpunkte sind eng miteinander verstrickt. Solange wir auf Standpunkten beharren wird auch unser Gefühlshaushalt verrückt spielen.
Erfolgreiche Transformationsprozesse geschehen nicht durch Veränderungen an Standpunkten, egal wie edel uns diese erscheinen. Unser Wesen lässt sich nicht durch Schlauheit und Cleverness täuschen. Transformation wirkt tiefer als Standpunktanpassungen. Wenn es uns um Transformation geht, so sollten wir uns sicherlich mit der Frage auseinandersetzen wer oder was da eigentlich verwandelt werden sollte und warum, oder wohin. Vielleicht sehen wir dann auch wie sehr wir uns dabei selbst im Wege stehen.
Verwirklichung hingegen kennt keine Verbesserungsdynamik. Es ist uns nicht möglich etwas unserer Meinung nach Minderwertiges in etwas unserer Meinung nach Hochwertiges zu verwirklichen. Illusion bleibt Illusion und wird nie Wirklichkeit sein. Vollkommenes bleibt vollkommen, egal wie sehr wir uns auch etwas anderes einbilden. Verwirklichung heisst den vollkommenen Keim zu seiner Blüte zu führen. Wenn wir in der Illusion von Schuld und Unvermögen feststecken und dies auf unser Wesens projizieren, so können wir nicht die Vollkommenheit unseres Wesens erfahren und daher diese auch nicht verwirklichen. Verwirklichung ist nicht etwas, das wir tun können. Es ist die natürliche Dynamik des Lebens selbst, welche uns zur Verwirklichung führt, oder uns dazu reifen lässt. Dazu benötigen wir tiefes Vertrauen in die Weisheit des Lebens, in die Wesensnatur des Lebens, welche wir in unserem Ursprung sind. Zen nennt dies das ursprüngliche Gesicht, oder unser Antlitz vor der Geburt unserer Eltern.
Ebenso verhält es sich mit unseren Wahrheiten, welche sich stets mit unserem Verständnis und unseren Standpunkten wandeln. Wahrheiten sind immer wahr. Jedoch für wen, wie lange und innerhalb welcher Glaubens- und Wahrnehmungs-Systeme? Wirklichkeit wirkt tiefer als alle Wahrheiten. Wahrheit mag sich mit der Veränderung von Standpunkten vertiefen lassen. Wirklichkeit verändert sich jedoch nicht mit Standpunktanpassungen. Es gibt viele Wahrheiten jedoch nur eine Wirklichkeit. Wirklichkeit entzieht sich allen Wahrheiten. Mit Wirklichkeit können wir nicht hausieren und Geschäfte machen, denn Wirklichkeit ist unmittelbar, unabhängig von Zeit/Raum und tiefer als Wahr-nehmung.
Wirklichkeit umfasst die ganze Existenz und äußert sich als Herzton des Lebens vor jeder Erscheinung, als Pulsschlag unseres Wesens vor Geburt und Tod.
Wenn die Glocke schlägt
erklinge ich.

August



Die Lehre des Aufleuchtens

Ich lehre keine Lehre des Auslöschens.
Wenige verstehen dies,
aber diese wenigen sind die einzigen,
welche Buddhas werden.
Hüte dieses Kleinod wie einen Schatz!
  (Huang Po)

Der wohl raffinierteste Schachzug des Egos ist die Mitarbeit an der Auslöschung des Egos. Es ist der ehrgeizigste Plan des Egos das Ego loszuwerden. Die Arbeit am Ego hat in allen Religionen wohl zu Recht einen zentralen, fest verwurzelten Platz, denn ohne Arbeit am Ego wird sicherlich kein spirituelles Voranschreiten je möglich sein. Doch ebenso gilt, dass durch die Arbeit am Ego kein entkommen aus den endlosen Kreisläufen der Selbstbespiegelung je geschehen wird. Die Arbeit am Ego bringt den Wagen in Schwung und Meditation wirft den Kutscher vom Bock. Es ist diese paradoxe Dynamik welche uns zum Erwachen hinführt. Darum ist der Weg zum Erwachen ein wegloser Weg. Alle ausgetretenen Pfade führen irgendwohin, doch das Erwachen ist nicht irgendwo angesiedelt. Wir tragen es mit uns herum. Wenn wir aus unserem Traum erwachen sind wir nicht aus etwas heraus, oder in etwas hinein erwacht. Alles erscheint immer genau hier und verschwindet immer genau hier. Der Wüstensand wird von der Fata Morgana nicht berührt. Die Stille wird von ihrem Traum nicht berührt. Die Stille erwacht aus ihrem aufregenden Traum mit der Kutsche durch ferne, wilde Länder zu ziehen und wird entdecken nie etwas anderes als Stille zu sein. All ihre Träume sind aus Stille gewoben, kehren zur Stille zurück und werden doch nie etwas anderes als Stille sein – das Aufleuchten unseres Wesens.

Wir haben grundsätzlich drei Möglichkeiten um an Meditation heranzutreten. Die meistverbreitete Meditationsweise ist jene, dass eine Idee jemand zu sein mit einer Idee irgendwo anzukommen meditiert, sei dies Nirwana, Erleuchtung, Erwachen oder irgendein spiritueller Aufstieg. Diese Dynamik führt vom Ich über das Bewusstsein zu einem eingebildeten Ziel hin. Die Verstrickung mit dem vermeintlich erlösenden Ziel kann sehr lange anhalten, je nach Anhaftung, Paradies- und Erlösungsphantasien, sowie Hunger und Durst nach spirituellen, ungestillten Bedürfnissen des Träumers. 
Die seltener benutzte Meditationsweise ist jene, dass eine Idee jemand zu sein ohne eine Idee irgendwo anzukommen meditiert. Die Hinwendung bleibt ganz beim Wesensgrund, doch die Idee jemand zu sein der meditiert, nämlich der Meditierende, bleibt meist lange unbewusst bestehen. Diese Dynamik führt vom Ich über das Bewusstsein zum Wesensgrund, zur Leere in jeder Form. Auch hier wird der Meditierende nach und nach verwandelt, doch er muss nicht erst noch durch alle Anhaftungen an seine spirituellen Ziele wandern. 
Die direkteste Meditationsweise ist jene, welche das verwandelnde Bewusstsein nirgendwohin richtet. Hinwendung ist hier ohne Ichvorstellung, ohne Ich-anhaftung, ohne Grund und ohne Ziel, ohne Hoffnung und ohne Hoffnungs-losigkeit. Leere und Form werden nicht mehr unterschieden. Wahrnehmung ist hier reines Gewahrsein, tiefer als jedes Geschehen und jede Dynamik, ohne diese zu verleugnen. Ohne tägliche Meditationspraxis wird uns kein Aufleuchten unseres Wesens zuteil, das ist sicher. Meditation wird hier jedoch weder als Technik noch Zustand verstanden, sondern als das, was wir in unserem Wesensgrund unantastbar, ohne Anfang und Ende sind - freie, raumlose Weite, grenzenlose, zeitlose Tiefe.

Auf des Tigers Barthaar
balancierend
trage ich den Wind
stets in Netzen
bei mir

Juli

Frieden führen

lebendiges Wasser sein
die Bäume tanzen sehen
strauchelnd, stürzend,
das Leben umarmen

und von ihm gehalten sein.
(Stefan)
Was wir üblicherweise Frieden nennen ist nur allzu oft eine Gefechtspause zwischen zwei Kriegen. Dies scheint leider immer noch der vorherrschende Frieden zu sein, dem wir hier auf dieser Welt begegnen. Daher definieren wir Frieden eher als etwas Passives. Für uns ist Frieden, das was geschieht, wenn wir zum Atemholen kommen, wenn wir für einen Moment lang innehalten und unsere Waffen niederlegen. Frieden scheint etwas zu sein, das eher einem Warten entspricht. Warten auf neue Konflikte? Auseinandersetzungen und Reibungen mit anders denkenden Menschen? Auf was warten wir denn, was erwarten wir denn? Dass etwas geschehen möge, das uns aus der Langeweile hole, oder aus dem Schrecken unserer täglichen Kriege, welche wir mit uns selbst und dadurch auch mit all dem so genannten „Anderen" führen? Wir glauben, dass es darum geht Frieden zu erhalten und vergessen dabei, dass alles Halten statisch ist. Das Leben verläuft jedoch stets dynamisch, nichts kann bleiben wie es mal war. Wir können keinen Zustand fixieren. Wir sollten daher Frieden in einer dynamischen Weise behandeln. Frieden führen, nicht Frieden bewahren oder erhalten. Ein Frieden, der nur bewahrt wird, wird sehr schnell vergehen. Was könnte es für uns heissen Frieden zu führen? Es gibt ja so viele Bereiche in unserem Leben, welche in diesem Licht gesehen, vielleicht aus ihrem statischen „es ist halt so" herausgeführt werden könnten. Sicherlich braucht es dazu den Mut zur Kreativität, vielleicht auch unübliche Handlungsweisen und die Bereitschaft sich der Kritik und der Beurteilung, vielleicht sogar Verurteilung auszusetzen. Doch vor allem erfordert dynamischer Frieden immer die Bereitschaft sich zu zeigen, also gesehen zu werden, sowie aktive und direkte Kommunikation.
Wir haben jedoch Angst davor verletzt zu werden, sei dies geistig, emotional oder körperlich. Dies ist sehr menschlich und verständlich. Ehrlichkeit und Offenheit scheinen uns sehr oft nur in grosse Schwierigkeiten zu führen. Doch diese Bedenken verhindern uns unsere Rüstungen abzulegen und führen dazu Frieden nur eben gerade mal zu bewahren. Immer noch scheint es innerhalb unseren Gesellschaftsformen sehr gefährlich zu sein in der Gemeinschaft mit Menschen nackt in seiner Wahrheit zu stehen.
Wir wissen nicht wirklich, was es heissen könnte Frieden zu führen, aber können wir das überhaupt je wissen und wäre dieses Wissen genug um in Frieden zu leben? Ist es nicht so, dass gerade all unser Wissen und Besserwissen die Grundlagen unserer Kriege darstellen? Liefert nicht gerade unser Festhalten an all den vermeintlichen Sicherheiten, welche uns Wissen, egal auf welchem Gebiet, verspricht, all unsere Beweggründe zu Kampf und Konflikt?
Wäre es daher nicht einfach ratsam sich auf diesen Begriff „Frieden führen" einzulassen, ihn ganz tief in uns wirken zu lassen, im Bewusstsein zu tragen und
sich davon überraschen zu lassen wohin uns das Leben, das ja wir selbst sind, damit führen könnte?

Juni

Allen Erscheinungen liegt ein stilles Leuchten zugrunde

Ist es nicht erheiternd, dass wir in spirituellen Büchern nach Wahrheit suchen, wenn wir doch die Wahrheit, nämlich das Buch selbst, als einfaches Buch mit Einband, Seiten und Druckerschwärze, direkt vor unserer Nase haben? Ausnahmslos alles was hier erscheint, inklusive unsere Nase ist offenbare Wahrheit - Wirklichkeit des einen Seins.

Bücher wundern sich über die Geschichten, welche wir Menschen in sie hinein und herauslesen. Bücher tragen keine Geschichten in sich, sie sind einfach nur sich selbst.
Wenn wir in einem Kinosessel sitzen und der Film in vollem Gange ist, so ist es sehr schwer die weisse Kinoleinwand zu sehen. Wenn jedoch die Kamera läuft, aber noch keine Bilder erscheinen, weil der Film noch nicht begonnen hat, so ist die Leinwand für kurze Momente in ein sanftes, helles Licht getaucht. Wir glauben dann vielleicht, dass die Leinwand noch nichts zeigt und warten darauf, dass der Film bald beginnt. Doch da täuschen wir uns, denn die Leinwand zeigt nicht nichts, sie zeigt sich selbst. Aber wer interessiert sich schon für die leere Leinwand, alle warten ja auf den Film? Wer geht denn schon ins Kino und bemüht sich während dem Film eine leere Leinwand zu sehen? Dies ist jedoch der Situation ernsthaft meditierender Menschen sehr ähnlich, nur ist Meditation wesentlich komplexer. Jedes Bemühen wird die Sicht behindern, denn das Aufscheinen der Wesensnatur kann nicht willentlich herbeigeführt werden.
Ausserdem ist die spirituelle Suche ein Versteckspiel, welches wir mit uns selbst spielen, denn alles Wesentliche ist zeitlos hier, immer und durch alle Zeiten hindurch „hier“. Es scheint, als hätten wir dies von jeher an gewusst und uns doch dafür entschieden das Göttliche an dem einzigen Ort zu suchen, an dem es nicht zu finden ist, in der Illusion der Getrenntheit. Seither suchen wir das Göttliche und verdrängen es gleichzeitig.
Die Illusion der Getrenntheit ist doppelt gesichert, einerseits durch die Identifikation mit einer eingebildeten, vielschichtig ausbaubaren Persönlichkeit, anderseits indem wir unsere natürliche Entfaltung beeinträchtigen und die Auswirkungen als Beweise unserer Unvollkommenheit vorweisen. Diesen schier unglaublichen Trick vollführen wir, um von „hier“ buchstäblich „wegschauen“ zu können, weg von „hier“, dem Kinosaal des Lebens und hinein in die bunte Welt der Abenteuer auf der Leinwand des Verstandes. In der vollumfänglichen Hinwendung an alles was in seiner einfachen Art und Weise „hier“ erscheint ist unser Einssein jedoch nicht wirklich schwer zu erkennen, es sei denn wir flüchten uns in die Illusion des Getrenntseins. Alles Existierende entspringt ohne Ausnahme demselben Wesensgrund. Das Festhalten an der Vereinzelung ist eine unglaublich grosse Leistung, denn das Aufrechterhalten dieser Illusion benötigt von uns einen konstanten und fast unvorstellbaren Aufwand an Ignoranz.
Sicherlich darf hier keines Falls verharmlost werden, dass unsere Entfaltung als ganzheitlich-geistige Wesen mitunter durch schmerzhafte und sehr vielschichtige Prozesse geht, welche von uns viel Aufmerksamkeit, unablässige Hinwendung und sehr grosse und geduldige Entschlossenheit fordern. Jedoch, wie ein Samenkorn die vollendete Pflanze stets vollständig und vollkommen in sich trägt und ihre Wurzeln, Stängel, Blätter und Blüten nicht erst noch in sich selbst suchen und erschaffen muss, ebenso ist das menschliche Wesen stets und durch den ganzen Prozess hindurch in sich selbst grundlegend ganz.
Wir sollten uns mutig der Konfrontation mit unseren schlechten Angewohnheiten, unseren Tendenzen zur Sucht und Abhängigkeit, sowie unserem Hang zur Bequemlichkeit, Dominanz, Ängstlichkeit und Verzagtheit stellen, ebenso unermüdlich unsere Konditionierungen, Glaubenssätze und Identifikationen erforschen, jedoch mit der Gewissheit, durch alle Zeiten hindurch, im Grunde unserer Existenz, stets zeitlose und vollkommene Wesen zu sein.

Mai

Jedes Boot ist leer

"Wenn einer über einen Fluss rudert und ein leeres Boot mit dem Seinen zusammenstösst, wird er, selbst wenn er zu Jähzorn neigt, sich nicht sonderlich erbosen. Aber wenn er in dem anderen Boot jemanden erblickt, wird er ihn anschreien, er solle gefälligst aufpassen.
Bleibt sein Ruf ungehört, wird der Mann neuerlich rufen und dann noch einmal schreien und schliesslich Flüche ausstossen. Und das alles nur deshalb, weil in dem anderen Boot jemand ist."

Tschuang-Tse
Wie sehr wir doch mit unseren Vorstellungen fixiert sind. Sobald ein Mensch in ein Ereignis involviert ist, so können wir dieses Ereignis nicht mehr als Geschehnis betrachten. Es wird für uns sofort zur Handlung. Wir unterscheiden sehr zwischen Geschehnis und Handlung und reagieren auch entsprechend unterschiedlich. Ein Geschehnis ist für uns üblicherweise eine Bewegung ohne, dass „ich“ etwas dazu beitrage, es ereignet sich nicht von einem Ich ausgehend.
Wohingegen eine Handlung meistens als von einem Ich ausgehend, also ichbezogen definiert wird. Doch in der Wirklichkeit gibt es keine Handlungen, alles sind Geschehnisse, ob wir glauben, dass ein Ich diese in Bewegung gesetzt hat oder nicht ist einem Ereignis ziemlich egal. Wir vergessen immer wieder leicht, dass wir selbst auch Ereignisse sind. Die Frage ist: wem geschieht das Ich? Diese Frage sollte existenziell, also nicht nur intellektuell untersucht werden, denn sonst erhalten wir die Antworten aus unseren Ich-Vorstellungen. Wie können wir etwas untersuchen, ohne, dass dabei unser Ich mit seinen Vorstellungen und Glaubenssätzen eifrig mitwirkt?
Hier kommt Meditation ins Spiel. Ich wage zu behaupten, dass es möglich ist ichfrei zu beobachten, dies bedingt jedoch das ununterbrochene Gewahrsein sich selbst als Geschehnis zu erkennen und sich daher auch ganz praktisch nicht von äusseren Geschehnissen zu trennen. Wenn wir uns selbst als Geschehnis betrachten können, so erkennen wir ganz leicht, dass alles was sich auf Erden bewegt Geschehnisse sind. Hier wird das Einssein ganz mühelos offensichtlich. Natürlich wirft unser Verstand dazu viele Fragen auf. Dies soll er auch. Denn es geht nicht um Glauben. Es geht um lebendige, direkte Erfahrung. Diese Sicht darf auch nicht als Rechtfertigung für die unzähligen Gräueltaten auf dieser Erde hinhalten, denn dies wäre eine sehr oberflächliche Betrachtungsweise und hat nichts mit durchdringendem Erkennen zu tun. Doch auf der anderen Seite wird die Menschheit in ihrem Unabhängigkeits- und Individualitätswahn selbst mit noch so gut gemeinten Verschmelzungsintensionen untereinander keine wirkliche Einheit herstellen können. Mit guten Vorsätzen, guten Intensionen und nötigenfalls mit Gewalt werden wir die miserablen Zustände auf dieser Welt nicht verbessern. Wir reagieren auf Angst und Schrecken mit noch mehr Angst und Schrecken. Dies führt zu einer endlosen Gewaltspirale.

Der immensen Angst und dem Schrecken in dieser Welt
kann nur mit Lebensfreude wirklich hilfreich begegnet werden,
nicht mit noch mehr Angst und noch mehr Schrecken,
doch dazu benötigen wir die Gewissheit unseres Ganzseins.

April

Dort draussen ist hier drinnen

Wenn wir auf das blicken, was in der Welt geschieht, dann sehen wir vielleicht, dass alle Ereignisse Wellen im Ocean gleichen, dass dies alles Geschehnisse sind, welche aus sich selbst heraus entstehen. Die Welle gehört zur Tiefe des Ozeans. Jede Welle ist der ganze Ozean. So gibt es nichts, das du wirklich tun könntest, alle Handlungen, alle Geschehnisse entstehen aus dem Ganzen heraus. Es sind keine getrennten Teile, welche zusammen ein Ganzes ergeben. In der Existenz gibt es keine getrennten Teile. Alle Einzigartigkeiten sind Ausdruck des Ganzen in individueller Form, so sind auch alle Geschehnisse. Wir sollten damit aufhören die Geschehnisse als einzelne getrennte Ereignisse zu betrachten. Dein Leben muss so geschehen, wie es geschieht, das hat nichts mit dir zu tun. Es hat damit zu tun, was du erleben und erfahren sollst. Nur das ist wichtig. Das Warum, das Wie und was anders sein kann und hätte sein sollen, sind Leidensmuster unseres Verstandes. Auch das was noch geschehen wird ist nicht in deinen Händen. Du tust dein Bestes, das ist wichtig und das ist alles was du tun kannst. Die Ergebnisse sind nicht in deiner Verantwortung. Beurteile bitte nicht die Ergebnisse, denn die sind in den Händen des Unbenennbaren. Das ist gut so. Es ist sehr gut so, denn denke, was es bedeuten würde, wenn es in unseren Händen wäre. Versuche jedoch nicht mit dieser Erkenntnis Verantwortungen abzuschieben. Tue dein Bestes im Bewusstsein nichts wirklich tun zu können. Dies ist ein altes, stets aktuelles Zensprichwort.
Unsere Haltungen und Hinwendungen erzeugen karmische Kräfte, welche ihre Auswirkungen entfalten, doch die Ergebnisse sind nicht in unseren Händen. Wir können unsere Neigungen und Tendenzen, unsere Haltungen und Hinwendungen betrachten, überprüfen und untersuchen. Dies wird Selbsterforschung genannt. Wir können alte Muster als uns wichtig oder unwichtig erkennen und dadurch Öffnungen zu wertvolleren Hinwendungen schaffen. Doch die Kräfte, welche sich zu Ereignissen und Wirkungen formen, unterwerfen sich nicht dem Willen des Menschen. So, wie wir Menschen als Wesen untrennbar eine Menschheit bilden, so sind alle Geschehnisse ebenso untrennbar eins. Das heisst, sie sind dasselbe Hiersein in unterschiedlicher Form und unterschiedlicher Dynamik. Katastrophen geschehen nicht den Menschen in einem fernen Land irgendwo dort draussen, sondern „hier“ in uns. Ist es nicht erstaunlich sich der Tatsache bewusst zu werden, dass unser Erleben, während unseres ganzen Lebens, immer „hier“ in uns selbst stattfindet, nie da draussen? Selbst, wenn wir darauf bestehen, dass die Ereignisse ausschliesslich „da draussen“ geschehen, so können wir doch unmöglich leugnen, dass das Erleben dieser Ereignisse, ja ausnahmslos jedes Erleben, immer nur in uns selbst stattfinden kann. Die Tragweite dieser Erkenntnis sollte jeder Mensch sehr gewissenhaft in sich selbst untersuchen.
Illusionen haben die sehr unangenehme Eigenschaft uns in Wahnvorstellungen zu führen, die wir für wirklich halten. Vielleicht sind wir in reiferem Alter etwas vorsichtiger damit uns Illusionen zu machen, da wir lernen, dass auf alle Illusionen unweigerlich Enttäuschungen folgen werden. Vielleicht möchten wir dieses Leiden vermeiden und werden zögerlicher. Diese Phase der Zögerlichkeit und vielleicht auch der Mutlosigkeit kann sehr weit gehen und uns allen Lebenssinn rauben. Wir stemmen uns gegen den drohenden Zustand der Sinnlosigkeit, bäumen uns auf, fallen wieder in uns zusammen und dies im Wechselspiel. Vielleicht bezeichnen wir dann diese Phase als Midlife Krisis, oder als der Beginn eines Burnouts. Unser Leben in der „um zu“-Endlosschlaufe, die Dynamik des unermüdlichen Erreichenwollens, fällt auseinander, egal wie verzweifelt wir daran festhalten. Auf jedes Erblühen, welcher Art es auch sei, folgt unweigerlich und unaufhaltsam, das Verwelken. Unser Dasein scheint nicht nur zutiefst sinnlos zu sein, es ist es bei tieferer Betrachtung auch. Wir möchten dieser Tiefe entfliehen. Wir möchten diesem inneren Abgrund entkommen. Mein Gott, was wir nicht alles in dieser Welt tun, um diesem Abgrund irgendwie zu entkommen! Doch diese Tiefe ist das Leben selbst. Das Leben ist sich selbst genug, mehr als genug – überfliessend genug. Gewahrsein benötigt keinen Sinn, kein Ich das am Bewusstsein, oder an irgendetwas anderem arbeitet. Gewahrsein betrachtet das unglaubliche Wunder der Entfaltung des Lebens in Glückseeligkeit, als ungeteiltes und zutiefst erfülltes Selbstsein.

März

Dort draussen ist hier drinnen

Wenn wir auf das blicken, was in der Welt geschieht, dann sehen wir vielleicht, dass alle Ereignisse Wellen im Ocean gleichen, dass dies alles Geschehnisse sind, welche aus sich selbst heraus entstehen. Die Welle gehört zur Tiefe des Ozeans. Jede Welle ist der ganze Ozean. So gibt es nichts, das du wirklich tun könntest, alle Handlungen, alle Geschehnisse entstehen aus dem Ganzen heraus. Es sind keine getrennten Teile, welche zusammen ein Ganzes ergeben. In der Existenz gibt es keine getrennten Teile. Alle Einzigartigkeiten sind Ausdruck des Ganzen in individueller Form, so sind auch alle Geschehnisse. Wir sollten damit aufhören die Geschehnisse als einzelne getrennte Ereignisse zu betrachten. Dein Leben muss so geschehen, wie es geschieht, das hat nichts mit dir zu tun. Es hat damit zu tun, was du erleben und erfahren sollst. Nur das ist wichtig. Das Warum, das Wie und was anders sein kann und hätte sein sollen, sind Leidensmuster unseres Verstandes. Auch das was noch geschehen wird ist nicht in deinen Händen. Du tust dein Bestes, das ist wichtig und das ist alles was du tun kannst. Die Ergebnisse sind nicht in deiner Verantwortung. Beurteile bitte nicht die Ergebnisse, denn die sind in den Händen des Unbenennbaren. Das ist gut so. Es ist sehr gut so, denn denke, was es bedeuten würde, wenn es in unseren Händen wäre. Versuche jedoch nicht mit dieser Erkenntnis Verantwortungen abzuschieben. Tue dein Bestes im Bewusstsein nichts wirklich tun zu können. Dies ist ein altes, stets aktuelles Zensprichwort.
Unsere Haltungen und Hinwendungen erzeugen karmische Kräfte, welche ihre Auswirkungen entfalten. doch die Ergebnisse sind nicht in unseren Händen. Wir können unsere Neigungen und Tendenzen, unsere Haltungen und Hinwendungen betrachten, überprüfen und untersuchen. dies wird Selbsterforschung genannt. Wir können alte Muster als uns wichtig oder unwichtig erkennen und dadurch Öffnungen zu wertvolleren Hinwendungen schaffen. Doch die Kräfte, welche sich zu Ereignissen und Wirkungen formen, unterwerfen sich nicht dem Willen des Menschen. So, wie wir Menschen als Wesen untrennbar eine Menschheit bilden, so sind alle Geschehnisse ebenso untrennbar eins. Das heisst, sie sind dasselbe Hiersein in unterschiedlicher Form und unterschiedlicher Dynamik. Katastrophen geschehen nicht den Menschen in einem fernen Land irgendwo dort draussen, sondern „hier“ in uns. Ist es nicht erstaunlich sich der Tatsache bewusst zu werden, dass unser Erleben, während unseres ganzen Lebens, immer „hier“ in uns selbst stattfindet, nie da draussen? Selbst, wenn wir darauf bestehen, dass die Ereignisse ausschliesslich „da draussen“ geschehen, so können wir doch unmöglich leugnen, dass das Erleben dieser Ereignisse, ja ausnahmslos jedes Erleben, immer nur in uns selbst stattfinden kann. Die Tragweite dieser Erkenntnis sollte jeder Mensch sehr gewissenhaft in sich selbst untersuchen.
Illusionen haben die sehr unangenehme Eigenschaft uns in Wahnvorstellungen zu führen, die wir für wirklich halten. Vielleicht sind wir in reiferem Alter etwas vorsichtiger damit uns Illusionen zu machen, da wir lernen, dass auf alle Illusionen unweigerlich Enttäuschungen folgen werden. Vielleicht möchten wir dieses Leiden vermeiden und werden zögerlicher. Diese Phase der Zögerlichkeit und vielleicht auch der Mutlosigkeit kann sehr weit gehen und uns allen Lebenssinn rauben. Wir stemmen uns gegen den drohenden Zustand der Sinnlosigkeit, bäumen uns auf, fallen wieder in uns zusammen und dies im Wechselspiel. Vielleicht bezeichnen wir dann diese Phase als Midlife Krisis, oder als der Beginn eines Burnouts. Unser Leben in der „um zu“-Endlosschlaufe, die Dynamik des unermüdlichen Erreichenwollens, fällt auseinander, egal wie verzweifelt wir daran festhalten. Auf jedes Erblühen, welcher Art es auch sei, folgt unweigerlich und unaufhaltsam, das Verwelken. Unser Dasein scheint nicht nur zutiefst sinnlos zu sein, es ist es bei tieferer Betrachtung auch. Wir möchten dieser Tiefe entfliehen. Wir möchten diesem inneren Abgrund entkommen. Mein Gott, was wir nicht alles in dieser Welt tun, um diesem Abgrund irgendwie zu entkommen! Doch diese Tiefe ist das Leben selbst. Das Leben ist sich selbst genug, mehr als genug – überfliessend genug. Gewahrsein benötigt keinen Sinn, kein Ich das am Bewusstsein, oder an irgendetwas anderem arbeitet. Gewahrsein betrachtet das unglaubliche Wunder der Entfaltung des Lebens in Glückseeligkeit, als ungeteiltes und zutiefst erfülltes Selbstsein.

Februar

Sich das Leben nehmen

Wahrscheinlich erwarten wir mit diesem Titel einen Text über den Tod. Doch dieser Text handelt vom Leben, denn fast alles in unserem „normalen“ Verständnis präsentiert sich verdreht. Wenn wir das Leben zu bewahren versuchen, so rauben wir ihm die Lebendigkeit, lassen es erstarren. All unsere Absicherungen, Versicherungsbestrebungen und Kontrollversuche zeugen davon. Der Mensch erstickt sich selbst unter der Last seiner Bollwerke, welche er gegen drohende Gefahren und unvorhergesehene Ereignisse aufgefahren hat. Unsere in Bürokratie ertrinkenden Ämter und unsere Versicherungssysteme zeugen davon. Wir lassen es selten zu, dass uns das Leben berührt. Die Angst vor Kontrollverlust, vor unvorhersehbaren und entblössenden Ereignissen ist in unserer komplizierten, verstandesorientierten und gründlich durchstrukturierten Gesellschaftsordnung riesig gross. Wir haben Angst das Gesicht zu verlieren, wie man so schön im Volksmund sagt. Aber eigentlich haben wir Angst unsere Masken zu verlieren. Nur können wir ja leider sehr selten noch das Eine vom Anderen unterscheiden. Ja, das Leben ist ganz schön verwirrend und berührend, wenn wir es an uns herankommen lassen.
Dabei geht es, wie mir scheint, weniger darum für alle Probleme Lösungen zu finden, als die Herausforderungen, welche sich stellen wirklich anzunehmen und anzugehen. Wir haben das Leben losgelassen und uns für das Erstarren entschieden. Wir sollten uns wieder das Leben zurückholen. Das ist hier gemeint mit „sich das Leben nehmen“. Es scheint mir dringend notwendig sich selbst wieder ins Leben, in ein freudvolles und zuversichtliches Dasein zu führen. Niemand wird dies für uns tun können. Da wir das Leben selbst sind, das sich lebt, so ist es allein unsere Aufgabe dieses Leben auch wirklich in offener Lebendigkeit anzugehen.
Vielleicht hängen wir in irgendwelchen schwärmerischen Verschmelzungstheorien fest um Einheit zu finden und rennen dabei am gewöhnlichen Leben vorbei, denn Anhäufung macht auch vor spirituellen Themen nicht halt. Auch hier sind wir versucht zu vermehren, was uns wertvoll erscheint. Doch Schlichtheit ist der erhabenste Luxus, den wir uns leisten können, denn er erschafft unserem Erleben Raum und Zeit zur Hinwendung an unser einfaches Dasein. Die Idee der Verschmelzung ist durch und durch absurd, denn sie setzt eine Trennung voraus. Diese Idee geht blindgläubig davon aus, dass etwas, das uns als getrennt erscheint vereinigt werden sollte. Doch damit wird eine Illusion nicht zur Wirklichkeit. Da es existenziell keine Trennung von der Einheit gibt ist dieser Verschmelzungsgedanken selbst eine verdrehte Trennungsidee.
Auch, alleine die Auflösung unserer unnatürlichen und absurden Staatsgrenzen, Religionsgrenzen, Rassengrenzen, Sippengrenzen und Freundesgrenzen werden uns nicht zur Einheit führen. Ohne das existenzielle, bewusste Erleben unseres Einsseins werden wir immer Schutzwälle und Verteidigungsburgen gegen eingebildete Bedrohungen durch „die Anderen“ errichten und uns dahinter verschanzen.
„Sich das Leben nehmen“ könnte auch bedeuten den Mut zu finden, die Dynamik der vielschichtigen Entfaltung des Lebens in der Einzigartigkeit, welche jedes Wesen und jede Erscheinung darstellt, anzunehmen und zu achten.
Der spirituell Erwachsene Mensch bewegt sich ganz natürlich und
selbstverständlich in dieser Welt, mit diesem Körper, als Mensch unter Menschen.
Diese Welt und alles Existierende bewegt sich jedoch auch ganz ohne Widerspruch genauso natürlich und selbstverständlich in ihm.

Januar

Sich das Leben nehmen



Wahrscheinlich erwarten wir mit diesem Titel einen Text über den Tod. Doch dieser Text handelt vom Leben, denn fast alles in unserem „normalen“ Verständnis präsentiert sich verdreht. Wenn wir das Leben zu bewahren versuchen, so rauben wir ihm die Lebendigkeit, lassen es erstarren. All unsere Absicherungen, Versicherungsbestrebungen und Kontrollversuche zeugen davon. Der Mensch erstickt sich selbst unter der Last seiner Bollwerke, welche er gegen drohende Gefahren und unvorhergesehene Ereignisse aufgefahren hat. Unsere in Bürokratie ertrinkenden Ämter und unsere Versicherungssysteme zeugen davon. Wir lassen es selten zu, dass uns das Leben berührt. Die Angst vor Kontrollverlust, vor unvorhersehbaren und entblössenden Ereignissen ist in unserer komplizierten, verstandesorientierten und gründlich durchstrukturierten Gesellschaftsordnung riesig gross. wir haben Angst das Gesicht zu verlieren, wie man so schön im Volksmund sagt. Aber eigentlich haben wir Angst unsere Masken zu verlieren. Nur können wir ja leider sehr selten noch das Eine vom Anderen unterscheiden. ja, das Leben ist ganz schön verwirrend und berührend, wenn wir es an uns herankommen lassen.
Dabei geht es, wie mir scheint, weniger darum für alle Probleme Lösungen zu finden, als die Herausforderungen, welche sich stellen wirklich anzunehmen und anzugehen. Wir haben das Leben losgelassen und uns für das Erstarren entschieden. Wir sollten uns wieder das Leben zurückholen. Das ist hier gemeint mit „sich das Leben nehmen“. Es scheint mir dringend notwendig sich selbst wieder ins Leben, in ein freudvolles und zuversichtliches Dasein zu führen. Niemand wird dies für uns tun können. Da wir das Leben selbst sind, das sich lebt, so ist es allein unsere Aufgabe dieses Leben auch wirklich in offener Lebendigkeit anzugehen.
Vielleicht hängen wir in irgendwelchen schwärmerischen Verschmelzungstheorien fest um Einheit zu finden und rennen dabei am gewöhnlichen Leben vorbei, denn Anhäufung macht auch vor spirituellen Themen nicht halt. Auch hier sind wir versucht zu vermehren, was uns wertvoll erscheint. Doch Schlichtheit ist der erhabenste Luxus, den wir uns leisten können, denn er erschafft unserem Erleben Raum und Zeit zur Hinwendung an unser einfaches Dasein. Die Idee der Verschmelzung ist durch und durch absurd, denn sie setzt eine Trennung voraus. Diese Idee geht blindgläubig davon aus, dass etwas, das uns als getrennt erscheint vereinigt werden sollte. Doch damit wird eine Illusion nicht zur Wirklichkeit. Da es existenziell keine Trennung von der Einheit gibt ist dieser Verschmelzungsgedanken selbst eine verdrehte Trennungsidee.
Auch, alleine die Auflösung unserer unnatürlichen und absurden Staatsgrenzen, Religionsgrenzen, Rassengrenzen, Sippengrenzen und Freundesgrenzen werden uns nicht zur Einheit führen. Ohne das existenzielle, bewusste Erleben unseres Einsseins werden wir immer Schutzwälle und Verteidigungsburgen gegen eingebildete Bedrohungen durch „die Anderen“ errichten und uns dahinter verschanzen.
„Sich das Leben nehmen“ könnte auch bedeuten den Mut zu finden, die Dynamik der vielschichtigen Entfaltung des Lebens in der Einzigartigkeit, welche jedes Wesen und jede Erscheinung darstellt, anzunehmen und zu achten.
Der spirituell Erwachsene Mensch bewegt sich ganz natürlich und
selbstverständlich in dieser Welt, mit diesem Körper, als Mensch unter Menschen.
Diese Welt und alles Existierende bewegt sich jedoch auch ganz ohne Widerspruch genauso natürlich und selbstverständlich in ihm.