2013

Dezember


Der Segen einer Sangha

Sangha bedeutet die Gemeinschaft der spirituellen Weggefährten. Üblicherweise wird die Sangha im Zusammenhang mit einem Lehrer oder Meister gesehen, der die Anweisungen erteilt und überwacht. In unserer westlichen Welt und Zeit mit seiner grossen Sensibilisierung für Individualität und Selbstverantwortung sollten wir nicht einfach östliche Führungsmodelle und Sinngebungen einer Sangha übernehmen. Wir sollten uns jedoch auch nicht der Beliebigkeit und der bei uns üblichen egoistischen Selbsterleuchtungsphantasien hingeben. Es wäre hilfreich auf den Segen und die Unterstützung durch eine Sangha bauen zu können. Jedoch sollten wir eine Sangha entwickeln, welche unserer Zeit und unserem kulturellen Umfeld entspricht und unseren Bedürfnissen Rechnung trägt.
Wir sehen vielleicht ein, dass es notwendig ist Hingabe und Vertrauen zu entwickeln, sind jedoch auch hinsichtlich der Gefahr weit verbreiteter Missbräuche sensibilisiert, welche in unserer um Aufklärung bemühten Zeit auch in religiösen Kreisen sichtbar wurden.
Wir sehen vielleicht ein, dass die Autorität eines Wegbegleiters für den weglosen Weg notwendig ist, möchten jedoch unsere Entscheidungsfreiheit bewahren.
Wir haben vielleicht Lehrer, Leerer, oder Meister, welche sich glücklicherweise nicht gar so sehr mit ihren Rollen identifiziert und dadurch die streng definierten Rollenverhältnisse aufweichen. Wir haben vielleicht vermehrt eher lose Gemeinschaften mit Weggefährten, welche keinen festgelegten Regeln folgen, oder folgen möchten, sich stets wandeln, niemanden an die Gemeinschaft binden wollen und doch einsehen, dass wir energetisch eine Einheit bilden. Etwa so wie Bergsteiger alle für eine gewisse Wegstrecke an einem gemeinsamen Seil hängen.
Wie könnte eine Sangha in diesem Sinne aussehen?
Wenn ein Lehrer, Leerer, oder Meister sich nicht mit der ihm zugefallenen Rolle identifiziert und dies auch sichtbar wird, so ist es dennoch sehr hilfreich, dass jeder Weggefährte seinen ihm ganz natürlich bereitstehenden Platz einnimmt und sein Bestes gibt um diesen Platz für die Gemeinschaft tragfähig zu machen. Niemand sollte sich jedoch mit seinem Platz oder seiner Rolle identifizieren. Sodann ist jedes Glied der Seilschaft energetisch am richtigen Platz und kann für Neuankommende und die Sangha als Ganzes hilfreich sein. Jeder sollte sich fragen ob er bereit ist seinen Platz zu sehen, einzunehmen und mit all dem was die Existenz für genau diesen Platz vorsieht auszufüllen. Niemand kann für einen Menschen genau wissen was dieser Platz alles für Aufgaben und Geschenke bereit hält, ausser dem Menschen selbst, sobald er diesen Platz wirklich wahrnimmt und einnimmt.
Die „Gemeinschaft der Edlen, die Arya-Sangha“ bezeichnet im Buddhismus die Wesen, welche laut buddhistischer Lehre bereits die erste Etappe, indem sie sich von der „Ich-Illusion“ befreit haben, hinter sich gelassen haben. Die „Sangha der Edlen“ wird als eines der drei Juwelen bezeichnet.
In dieser Art der Sangha ist sich jeder bewusst, dass er/sie selbst ein Geschehnis ist und es darum geht ohne Ichanhaftung dieses Geschehen so schlicht und reibungslos stattfinden zu lassen, wie es geschehen soll.
Was könnte dies für jeden von uns bedeuten?

In Liebe Saajid

"Es gibt kaum etwas, das dem westlichen Menschen so fehlt wie die Stille,
kaum etwas, das ihm so schwer fällt, wie die Übung der Stille.
Der Lärm hält uns in seinem Bann, der Lärm der Welt,
aber mehr noch das innere Getön der uns bewegenden Sorgen,
der unterdrückten Gefühle, Süchte und Sehnsüchte,
vor allem aber das Stöhnen, das aus der Spannung zu unserem unbefreiten Wesen stammt."

Graf Dürckheim

November



Dort ist nicht hier

Üblicherweise glauben wir ganz selbstverständlich, dass wir mit unseren Augen „irgendwohin“ schauen und wenn wir durch ein Fernrohr sehen, so glauben wir, dass wir in die Ferne schauen. Das Hubble-Teleskop beispielsweise macht uns Bilder sichtbar, welche tausende von Lichtjahren entfernt sind. Hoppla, warum sagen wir denn hier Lichtjahre? Das hat doch primär mit Zeit zu tun und nicht mit Distanz? Wir benennen das so, weil das Teleskop nicht in die Ferne nach „dort-hin“ schauen kann. Es nimmt Lichtimpulse wahr und wir glauben in die Ferne zu schauen, weil die Lichtimpulse von unglaublich weit herkommen. Diese benötigen tausende von Lichtjahren um hier in diesem Teleskop sichtbar zu werden. Das, was wir sehen ist also schon seit tausenden von Jahren vorbei. Was wir wahrnehmen ist also das, was bei uns ankommt und nicht das, was „dort“ geschieht. Dies betrifft riesige wie winzige Distanzen gleichermaßen. Unsere Augen sehen, was auf ihrer Netzhaut an Impulsen ankommt. Unsere Augen können nicht „irgendwohin“ sehen. Dies betrifft all unsere Sinne gleichermaßen. Unsere Sinne nehmen wahr, was an Impulsen ankommt. Die Summe aller Impulse unserer Sinne ergibt sodann, sehr vereinfacht ausgedrückt, die sinnliche Wahrnehmung einer Erscheinung. Doch unsere Wahrnehmungsfähigkeit ist bei weitem nicht auf unsere Sinne beschränkt.
In der direkten, unschuldigen, ungetrennten Wahrnehmung eines meditativen Bewusstseins offenbart sich ganz mühelos und selbstverständlich die Einheit der Existenz.

Die Illusion irgendwohin schauen zu können ist sehr hartnäckig, da wir ja den Glauben an das „dort“ nicht verlieren möchten. Wir erleben uns als sehr einsam ohne ein „Dort“, ohne die Anderen und alles Andere. Wir wissen im Innersten trotz unserer Verdrängung um dieses All-eins-sein, doch dieses Alleinsein fühlt sich in der Trennungsüberzeugung als sehr haltlos und ichverloren an. Daher unternehmen wir alles Mögliche um es nicht zu spüren.
Es gibt jedoch in Wirklichkeit kein „Dort“ in unserer Wahrnehmung. Alles wird immer in der Unmittelbarkeit wahrgenommen. Es gibt nicht einmal ein „Hier“ in der Wirklichkeit unseres Seins. Unmittelbarkeit ist tiefer als Hier-Jetzt und beinhaltet diesen kleinstmöglichen Standpunkt von Raum-Zeit. Diese direkte Wahrnehmung wird auch reines Bewusstsein oder reines Gewahrsein genannt.
Daher gibt es kein Ich, auch keine Anderen und nichts Anderes in der erwachten Wahrnehmung, außer der Dreieinigkeit der Wahrnehmung als solche. Der Wahrnehmende, das Wahrgenommene und die Wahrnehmung selbst sind Eines. In Wirklichkeit offenbart diese Dreieinigkeit des Gewahr-seins das lebendige Paradox unserer Einzigartigkeit in der Alleinheit und umfasst alles, nach was wir uns zutiefst sehnen.
Die Trennung dieser Dreieinigkeit ist eine Täuschung unseres konditionierten Verstandes.
Jedoch ist es auch nicht hilfreich, wie es bei Schlaubergern zurzeit Mode ist, stets zu wiederholen, dass wir ja alle schon immer das Eine sind und daher ja alle schon erleuchtete Wesen seien und dass es nur darum gehe dies zu erkennen.
Dies sind Glühbirnen, welche nur funktionstauglich aussehen, jedoch nie brennen werden.
Mit einem offenen Anfängergeist ehrlich, authentisch und kraftvoll lebendig zu leben, wird uns weitaus tiefer in die Natur unseres Wesens führen.

Die Stille erwacht
aus der Stille
zur Stille hin

In Liebe
Saajid

Oktober



Hingabe



sicherlich scheint
der mond
hinter den wolken

doch wie kann ich
ihn sehen, wenn ich
vor den wolken sitze


Die Illusion alles Mögliche im Leben Geben und Nehmen zu können ist sehr hartnäckig. Wir finden so vieles im Leben vor und glauben es kaufen, besitzen, aneignen und ganz selbstverständlich uns zugehörig machen zu können, sei dies nun Materielles, Wesenhaftes, Körperliches, Emotionales, oder Geistiges. Wir finden all dies in unserem Leben und Erleben vor und verlassen all dieses wieder, wenn sich unser Körper der Erde zuneigt. Wie können wir nur glauben je irgendetwas als unser Eigen zu betrachten, da wir doch nur als Gäste für eine kurze Zeit die Erde besuchen? Mit dem ersten Tag indem die Welt hier in unserem Bewusstsein erscheint, bis zum letzten Tag, indem die Erde diesen Körper wieder zu sich ruft, finden wir alles was die Welt uns bietet schon in dieser vor. Es geht dabei nicht nur um Rohstoffe, materielle Güter, Waren, Dinge und Wesen, sondern auch unsere Körper und all die Ausrüstungen, welche wir fälschlicherweise Ich nennen.

Von Ich zu Mein ist es nicht weit, da sie der gleichen Illusion angehören.

In der materiellen Illusion reissen wir alles an uns und glauben alles besitzen zu können und in der spirituellen Illusion glauben wir all dies zu besitzen und nun wieder von uns weggeben zu können. Wir glauben dann vielleicht alles was wir uns angeeignet haben mit anderen Menschen teilen zu sollen und bleiben doch nur im Kreislauf von Besitz und Besitzlosigkeit stecken. Wir glauben vielleicht unsere Liebe teilen zu können und sehen nicht wie wir aus Liebe eine Ware machen, welche wir zu besitzen scheinen, um dann gnädig etwas davon abzugeben. Wir suchen vielleicht nach spirituellem Fortschritt und sehen nicht wie wir uns diesen aneignen um möglichst viel davon aufzuhäufen. Jedoch:

Das Einzige was wir in diesem Leben wirklich von uns geben können ist uns selbst.

Die grösste Freiheit ist die Freiheit von unserer Ich-Bezogenheit.
Wenn wir uns dem Leben vollständig hingeben, so können wir entdecken, dass wir ein Geschehnis sind, das keinen Handelnden benötigt.

In Liebe
Saajid

September



Zazen-Vipassana


Ein renommierter Satsanglehrer schrieb diese Tage:

Ich bin nun siebenundfünfzig Jahre alt und sehe mich zurzeit mit der größten Herausforderung meines Lebens konfrontiert. Ich war ein spiritueller Lehrer der Erleuchtung für über siebenundzwanzig Jahren. Bei Erleuchtung geht es immer und wird es immer um die Transzendierung des Egos gehen. Während der letzten Jahre haben einige meiner nächsten Studenten versucht mir klar zu machen, dass trotz der Tiefe meines Erwachens mein Ego immer noch sehr lebendig und aktiv ist. Ich habe diese einfache Wahrheit verstanden, dass wir alle, egal wie erleuchtet wir sein mögen, Egos haben – und habe dies sogar tausenden von Menschen in meiner Kariere so gelehrt. Aber wenn ich von denen, welche mir am nächsten und welche am mutigsten waren, gefragt wurde mein eigenes Ego zu konfrontieren, habe ich dies verweigert. Und oft erzeugte ich als Resultat Schwierigkeiten in ihrem Leben.

In unserer Zeit und unseren modernen Gesellschaftssystemen rund um die Welt zählen hauptsächlich Erfolge und Resultate. Persönliche Ziele und wirtschaftliches Wachstum, sowie alles was mehr und besser als irgendwas anderes ist. Vergleichende Kriterien und Konkurrenzdenken haben fast alle Bereiche unseres Lebens nahezu vergiftet. Eines der vielen traurigen Resultate ist unser zunehmender Geschwindigkeitsrausch und unsere stete Rastlosigkeit. Entspannung wird hauptsächlich als Burnout-Prävention betrachtet, daher eher unwillig als notwendige und unumgängliche Zeitverschwendung toleriert und hauptsächlich als Investition gesehen, um noch effizienter in unseren Leistungen zu werden. Sogar die Freizeitindustrie bietet uns immer raffiniertere Möglichkeiten um nur kurz und zeitsparend nach Luft japsen zu müssen. Dann geht es wieder ab ins schön dekorierte und getarnte Hamsterrad um die Superreichen noch unermesslich viel reicher werden zu lassen. Doch die Rastlosigkeit hat sich nun so weit ausgedehnt, dass uns selbst in Zeiten ohne äußere Ansprüche, die inneren Ansprüche hetzen und jagen. Die Sensibilität und Sensualität unserer Sinne sind durch konstante Überreizung verloren gegangen. Die Sucht nach Stimulation und Sensation hat unsere abgestumpften Sinne besetzt. Die Zeit hetzt uns davon und wir hetzen mit. Dies betrifft mittlerweilen Arbeit und Freizeit gleichermaßen.

Dies muss so nicht sein. Seien wir doch mutig und beginnen wir doch wieder Entschleunigung und Beschaulichkeit, Sensibilität und Sensualität, Stille und Gewahrsein zu pflegen.

Selbst in spirituellen Kreisen sind meistens Erfolgshunger, Konkurrenzdenken und Zielorientiertheit die treibenden Kräfte. Unser spirituelles Ego wird durch die alles ergreifenden Marktwirtschaft ganz schön beschäftigt und lacht sich dabei ins Fäustchen.

Wie wohltuend ist da die Schlichtheit eines Dogen Zenji (Zenmeister und Begründer des Soto-Zen 1200 bis 1253), welcher attackiert von bewaffneten buddhistischen Rivalen gefragt wurde, was die Botschaft seines neuen Buddhismus sei und dieser schlicht und einfach antwortete: Die Nase senkrecht, die Augen waagrecht. Er wusste wohl, dass diese Antwort den etablierten buddhistischen Kräften, welche in philosophischen Diskursen und stagnierenden Ritualen gefangen waren, nicht gefallen werde und doch blieb er bei seiner einfachen Aussage und setzte damit sein Leben aufs Spiel. Sein ganzes Leben lang lehrte er nichts weiter, als die Sitzmeditation Zazen. Seine einfache Botschaft war, dass Praxis und Erleuchtung nicht zu trennen seien und dass es im Wesensgrund nichts zu erreichen gäbe.

Morgens um fünf Uhr aufstehen um Zazen oder Vipassana zu sitzen? Wie altmodisch, uncool, langweilig und sinnlos? Vielleicht. Vielleicht aber auch ganz schön spannend und lebensbedrohlich – jedenfalls für unsere eingefahrenen Muster, für unsere vielen Süchte und unseren goldenen Käfig, sowie für unser ach so gemütliches Hamsterrad.

Wir sitzen in Leichtigkeit und ohne Anstrengung, in bequemer, aufrechter Position und mit Rücksichtnahme auf individuelle Eigenheiten. Stühle und Backjacks stehen zur Nutzung bereit. Bei uns darf sich auch mal ab und an jemand zum Meditieren auf den Rücken legen, aufstehen, sich schütteln oder langsames Gehen (Kinhin) praktizieren.
Doch wir (Jagdish und Saajid) empfehlen um 5, 6 oder 7 Uhr mit einzusteigen. Entweder bei uns zuhause in unserem schönen Meditationsraum, oder bei euch zuhause auf eurem stimmungsvollen, entschleunigten und mit entspannter Stille-Präsenz aufgeladenen Sitzplatz.

In Liebe
Saajid

August



Abspaltungen erkennen

Geistiges Erwachen kann immens hilfreich sein, so der Erwachte diese geistige Klarheit auch bei sich selbst als Hilfe zur Beleuchtung von Tendenzen und Muster versteht und praktiziert. Wenn wir unsere eigenen Muster und Tendenzen jedoch nicht ins Gewahrsein rücken, so werden wir sie weiterhin verdrängen, denn die Auflösung der Identifikation mit dem Ich löscht sie nicht aus.
Erwacht zu sein bedeutet nicht besser mit dem Leben umgehen zu können. Erwachen ist Offenbarung, kein Transformationsprozess. Es gibt kein „vor“ und „nach“ dem Erwachen. Es wird dringend geraten den Begriff Erwachen und seine unterschiedlichen Offenbarungen differenziert zu betrachten.

Erst wenn wir Leere und Form, sowie das Relative und das Absolute, bedingungslos und unterschiedslos als dasselbe Sein erleben sind wir fähig das Prinzip unserer Lehre auch segensreich in Funktion zu setzen.
Ebenso wie das Relative und das Absolute, wie Form und Leere, ist es notwendig Einzigartigkeit und All-eins-sein, als dasselbe Sein zu erkennen und nicht abzuspalten. Denn Individualität, die Einzigartigkeit unseres Wesens, wird vielerorts im spirituellen Bereich noch mit Persönlichkeit und Egostruktur verwechselt und daher als Illusion betrachtet. In dieser Tendenz besteht die Gefahr, dass differenzierte Ausdrucksweisen erwachter Menschen als Anhaftungen an die Persönlichkeit verstanden werden und eine „reine“ allgemeingültige Lehre angestrebt wird. Dahinter steht das Bedürfnis unserer Kontrollsysteme die einzig richtige, allumfassende Wahrheit zu erhalten. Doch diese Art von Wahrheit gibt es nicht. Die Stille, Weite, Tiefe, Präsenz des Seins, reines Gewahrsein, oder das Eine, egal wie wir es nennen, kümmert sich nicht um Wahrheiten, oder „die“ Wahrheit.
Individualität oder Einzigartigkeit ist keine Trennung vom Ganzen, sondern die Art und Weise wie das Eine sich in der Vielfalt ausdrückt.
Ebenso gilt es das Geistige nicht über das Körperliche zu stellen. Oft werden Körper, Psyche und Emotionen in einen Sammelbegriff wie „Körper-Verstandes-Mechanismus“ geworfen und von unserer Essenz abgespalten, oder als etwas Untergeordnetes, das wir transzendieren, oder überwinden sollten, verstanden. Dies ist uns unbewusst als Schutzstrategie oft willkommen um weiterhin schwierige Emotionen und Traumas zu verdrängen.
Damit geistiges Erwachen in der Welt wirkungsvoll umgesetzt werden kann benötigen wir dringend emotionales Erwachen, wir können dies auch Seinsgüte oder Herzensweisheit nennen.

Milliarden von Zellen steuern und verrichten täglich ganz ohne unsere Kontrolle und Dazutun ihre Funktionen und ermöglichen uns ein Leben in und mit einem Körper. Also kein Grund für unser Ich um damit zu prahlen. Ist es nicht erstaunlich, dass wir jeden Morgen nach dem Schlafen in dieses Wunder des menschlichen Daseins aufwachen? Doch wer oder was genau wacht denn da auf? Nun, Traumbewusstsein und Wachbewusstsein sind wie uns zeitgenössische Wissenschaftler vermelden strukturell identisch. Das heisst, dass nicht ein gar so grosser Unterschied zwischen diesen beiden Bewusstseinszuständen besteht, wie wir üblicherweise annehmen. Eigentlich sollten wir hier eher von verschiedenen, traumähnlichen Identifikationszuständen im Bewusstsein reden.
Auch wenn geistiges Erwachen nicht direkt mit dem Aufwachen nach dem Schlafen verglichen werden kann, so hat doch beides eine bedeutende Gemeinsamkeit. Nämlich mit dem Aufwachen, wie mit dem Erwachen ist überhaupt noch nichts bewirkt.
Viele Menschen sind in den letzten Jahren erwacht und erliegen unzähligen Täuschungen. Hier in unserer westlichen Kultur sind wir ziemlich unerfahren mit diesem Phänomen und projizieren enorm viel in das Erwachen hinein.
Das erstaunliche mit Erwachen ist, dass niemand gefunden werden kann, welcher dieses Erwachen auf sich selbst beziehen könnte. Das Ganze erwacht zum Ganzen und bleibt doch in seiner Erscheinung individuell. Wer sollte also damit auf die Strasse rennen und lautstark „sein“ Erwachen verkünden? Erwachen alleine befähigt uns zu nichts.
Ein erwachter Mensch ist nur ein guter Lebensberater, wenn er dies durch Lebenserfahrung und Reife auch sowieso ist.

Was könnte dies in der täglichen Praxis heissen?
Wissen um Wesensgrund und geistiges Erwachen beseitigen nicht unsere Tendenzen der Selbsttäuschung, unser Hang zu Irrtümern und die Saat der Verstrickungen. Soziale Kompetenz entwickelt sich nicht durch Erwachen sondern durch, Mitgefühl, Herzensgüte, Offenheit und Auseinandersetzung, sowie der Bereitschaft sich als Mensch auf Augenhöhe unter Menschen zu bewegen.
Solange unsere Freiheit noch nicht in die Ganzheit des menschlichen Lebens eingesunken ist und sich immer noch mit Mein, Dein und persönlichen Vorteilen verstrickt, können wir nicht wirklich von Freiheit reden.
Diese Welt mit all ihren Formen erscheint in unserem Bewusstsein, damit wir heil, das heisst ganz werden, also Heilung erfahren. Heilung von all diesen schrecklichen Auswirkungen unserer Abspaltungen, welche wir als Spiegelsituationen hier in unserer Welt erleben; einer Welt, welche sich im Wesensgrund als durch und durch ekstatische, überfliessende Schönheit zeigt und sich in steter Wandlung, als ein sich endlos, selbst feiernder Schöpfungsakt, manifestiert.

In Liebe
Saajid

Juli



Übergriff und Missbrauch


Sicherlich geschieht neben vielem Wunderbarem auch ganz Schreckliches auf dieser Welt. Jedoch nimmt alles Schreckliche in den kleinen und unscheinbaren Unaufmerksamkeiten unserer täglichen, unbewussten und oft unbemerkten Übergriffe und Missbräuche seinen Anfang. Wir nehmen alle oft an unzähligen Ereignissen teil und sind in unzählige Situationen involviert, welche auf irgendeine Weise mit Übergriff und Missbrauch zu tun haben. Es gibt wahrscheinlich kaum einen Menschen, der nicht schon Opfer und Täter dieser Tendenzen war.
Wir können auch wahrscheinlich nie ganz frei von Übergriffen und manipulativen Tendenzen werden, ohne die Ausdruckskraft unserer Individualität und den notwendigen Mut zu Konfrontationen zu verlieren, denn die Grenzen zwischen für sich selbst hin stehen, sowie sich aggressiv verteidigen, oder angreifen, sind oft fließend und unübersichtlich. Oftmals überschreiten wir unbewusst die Grenzen anderer Wesen und merken dies gar nicht, oder wir fühlen uns in unseren Grenzen angegriffen und greifen über die Grenzen anderer ohne uns dessen bewusst zu sein. Der Variationen sind unzählige, denn wir verstecken uns meistens hinter unseren selbstgebastelten Grenzen, welche bei jedem Menschen eben oft an ganz anderen Stellen liegen. Wir neigen dazu diese vermeintlichen Grenzen zu verteidigen, als seien sie unumstößlich. Dazu kommt, dass wir auch gegenüber uns selbst bewusste und unbewusste Grenzüberschreitungen, sowie Missbräuche begehen.
Übergriff und Missbrauch sind nur allzu menschliche Tendenzen und werden in relativ harmlosen, bis hin zu schrecklichen Auswirkungen, weiter bestehen bleiben, solange sich unser individuelles Bewusstsein nicht radikal in Richtung umfassender Eins-seins-Erkenntnis ausdehnt und auch auswirkt. Denn, wie oft sehen wir doch, dass das Einheitsbewusstsein im Geistigen stecken bleibt und nicht wirklich auf der Daseins-Ebene umgesetzt wird, weil unsere Individualität auf seinen Vorlieben und Abneigungen beharrt?
Was heißt das für uns? Sind Übergriffe auch im Satsang, sowie in Bereichen welche sich Bewusstsein und spirituelle Entfaltung des Menschen auf die Fahne schreiben möglich? Ja, in allen menschlichen Bereichen geschehen Übergriffe. Es geht also darum Aufklärung, Bewusstwerdung, Transparenz, Ehrlichkeit und Offenheit in alle Systeme unseres Wirkens zu bringen.
Wir hören in den Satsangs immer wieder die Zauberformel „Alles ist gut so wie es ist“. Ist das wirklich wahr? Ja, es ist wahr! Im Wesensgrund ist alles gut so wie es ist. Ebenso gilt auch: nein, es ist nicht wahr! In unserer Welt der Verblendung kann nicht alles einfach als „gut so wie es ist“ belassen werden. Denn Gutsein zeigt sich in der Bewusstwerdung des Wesensgrundes und nicht in einer Haltung von Ignoranz und Missachtung gegenüber dem Leben das sich entfaltet.
Genau darum ist es so wichtig diese, der ganzen Existenz zu Grunde liegende Seinsgüte zu bezeugen, welche all unser Sein und Wirken so bedingungslos liebevoll umfasst. Seinsgüte steht hier nicht für einen esoterisch abgehobenen, oft missverstandenen und missbrauchten Liebesbegriff, welcher sich gegen das vermeintlich Dunkle und Böse, welche von unseren individuellen Interessen definiert werden, wendet, sondern für eine kraftvolle, die ganze Existenz umfassende, alles durchdringende, selbstimmanente Güte, welche keinen Namen hat und keine Namen kennt.

In Liebe
Saajid

Juni



Alle Dinge sind im Herzen


Wir können Liebe verdrehen, aber ausserhalb von Liebe kann nichts geschehen. Denn alles ist Liebe und Liebe ist alles. Die Liebe umfasst das Leben und das Leben umfasst die Liebe. Liebe ist die Essenz der ganzen Existenz. Das Leben ist Liebesschule und die Liebe ist Lebensschule. Liebe ist absolut frei. Liebe tut nichts, sie geschieht. Liebe ist bewegtes Gewahrsein, das Leben, so wie es sich entfaltet.
Wir Menschen sind das Leben, das Leben ist Liebe, Liebe ist bewegtes Gewahrsein, Gewahrsein ist das was wir Menschen sind. Es ist ein Kreis und es ist Eines. Darum sind alle Wesen Lebens-Liebes-Gewahrsein.
All unser Leiden entsteht aus einem Mangel an Vertrautheit mit der Liebe.
Wenn sich ein Ego an die Liebe hängt und glaubt ein anderes Ego zu lieben, dann wird die Liebesenergie zwischen Ich und Du eingeklemmt und konditioniert. Die Liebesenergie wird durch zwei Egos verformt. Wir nennen dies dann zwar meistens Liebe und da alles Liebe ist, können wir nicht wirklich sagen, dass dies nicht stimmt. Jedoch geht es dann eher um Bedürfnisse, Bedürftigkeit und alles was daraus folgt. Dies ist gut so, denn da die Liebe absolut frei ist, wird sie die relative Freiheit unserer egogebundenen Liebesenergie immer und unausweichlich zurück zu ihrer ursprünglichen absoluten Freiheit führen. Liebe führt sich immer selbst aus jeder Verstrickung, Anhaftung, Abhängigkeit, Gebundenheit zurück zu sich selbst. Darum sind Beziehungen so effizient hinsichtlich Enttäuschungen, denn wenn wir an Täuschung festhalten, so müssen wir Enttäuschung erleben.
Liebe ist der all-einsame Tanz des Gewahrseins mit seinem Lebenstraum. Es ist ein wundervoller, melancholischer Tanz in Schönheit und Erfüllung und kann doch nie etwas anderes sein als träumendes Gewahrsein. Es muss auch nichts anderes sein, denn Gewahrsein ist alles was ist.
Liebe ist in seiner körperlichen Form die Schönheit, das Sehen und Gesehen werden, der Geschmack, der Geruch, die Berührung, die Empfindung, das Gefühl und all die wundervollen Energieereignisse unterschiedlichster Art. Doch auch wenn die Energien nicht immer so wundervoll sind, sondern schmerzhaft, schrecklich und fürchterlich, so ist dies Liebe in Aktion. Wir könnten dann von verdrehter Liebe sprechen. Liebe, die wie es scheint, in ihr Gegenteil verdreht wurde. Doch Liebe hat kein Gegenteil, sie ist dann einfach nur verdreht.
Wenn zwei Menschen sich begegnen geschieht Liebe. Dies geschieht immer, egal wie vertraut wir mit Liebe, das heisst mit uns selbst sind und wie sehr wir Liebe vermeiden, oder haben wollen. Liebe ist nicht etwas das ein Ego tun, haben, oder geben könnte. Das Ego ist nicht existenziell, will jedoch alles auf sich selbst beziehen. Das Ego sagt zum Beispiel: wenn ich in Liebe bin. Das klingt von der Warte der Wirklichkeit aus ziemlich verrückt. Wir sind Liebe, wie sollten wir in die Liebe hineingehen, oder ihr begegnen können? Dies können wir nur scheinbar tun und nur wenn wir uns abspalten.
Wir können jedoch unsere Liebesfähigkeit mehr oder weniger pflegen, vernachlässigen oder gar verleugnen. Wenn zwei Menschen sich wirklich authentisch begegnen, geschieht ein Liebestanz. Dieser Energiefluss kann sehr stark sein, doch niemand kann dies erzeugen, heraufbeschwören, vermehren, weitergeben oder sonst etwas damit tun. Dies scheint nur so.
Ebenso wie wir uns nach Liebe sehnen, so fürchten wir die Liebe. Wir bauen hohe Mauern um uns herum und verstecken uns vor der Liebe, vor dem Leben, das wir sind. So verstecken wir uns vor uns selbst, schauen argwöhnisch und misstrauisch hinter unserem Versteck hervor und suchen uns selbst.
Das Leben spiegelt uns jederzeit unsere Versteckspiele und weisst uns den Weg zu uns selbst zurück. Doch wir schotten uns ab und projizieren all die empfangenen Lebensimpulse nach aussen auf Situationen, Umstände und auf andere Menschen, damit wir von der Liebe nicht gefunden werden.
Was für ein verrücktes Spiel. Wie lange wollen wir noch verloren gehen?

In Liebe
Saajid

Mai



Zweite Geburt


Dieser weglose Weg, der keine Ziele kennt und von hier nach hier führt ist sehr erstaunlich. Obschon er nirgendwohin führt, so kommen wir doch immer tiefer bei uns selbst an. Hier, wo wir immer schon sind.
Erwachen ist die umfassende Offenbarung unseres Wesensgrundes. Wer damit glaubt das Ende des Weges erreicht zu haben landet jedoch in Täuschungen und Enttäuschungen.
Das geistige Erwachen unseres Seins ist absolut wesentlich, die Transformation der tieferen Schichten unserer Psyche und ihre emotionalen Einlagerungen werden jedoch dadurch noch nicht bewirkt. Erwachen führt uns aus der Formfixierung der Erscheinungen hinaus in das tiefere „Sosein“. Die Vertiefung des Erwachens führt uns zu den Erscheinungsformen zurück. Alles ist dasselbe Eine, ob formlos, oder als Form erscheinend. Dies ist damit gemeint, wenn von "Form ist Leere und Leere ist Form" gesprochen wird.

Wie steht es also mit unserer Individualität, mit der Einzigartigkeit unserer Erscheinung? Oft wird angenommen, dass die Individualität unserem Eins-Sein untergeordnet sei und durch das Erwachen geläutert, oder als Täuschung erkannt wird. In unserer Existenz gibt es jedoch nichts Untergeordnetes, alles ist dasselbe Eine in verschiedenen Aspekten. Im Zen wird daher das ausschließliche Verweilen in der Rolle eines unbeteiligten Beobachters des Lebens als der Gestank der Erleuchtung bezeichnet.

Als Menschen sind wir in erster Linie emotionale Wesen. Dies wird auf überzeugende Weise ersichtlich, wenn wir kleine Kinder betrachten. Kleinkinder sind emotional so authentisch, dass sie die zutiefst verwirrende Gefühlswelt unauthentisch lebender Erwachsenen, als äußerst schmerzhaft empfinden, da sie deren Gefühle als abgespalten, zensuriert, tabuisiert, verleugnet und teilweise abgelehnt, wahrnehmen. Zudem werden die Gefühle der Kinder von den Erwachsenen oft nicht akzeptiert, unterdrückt und manipulativ beeinflusst. Sicherlich geschieht dies alles meistens unbewusst und teilweise in gutem Glauben und zum Besten des Kindes. Auch dieses Wohlwollen spürt das Kind. Doch da die Eltern in dieser Phase immer idealisiert werden, bleibt dem Kleinkind nur eine einzige Schlussfolgerung, nämlich, dass etwas mit ihm grundsätzlich nicht stimmt. Diese frühkindliche Grundüberzeugung ist zutiefst emotional und lagert sich tief in unser Zellbewusstsein ein.

Unser Wesen will auch in seiner individuellen Erscheinungs- und Ausdrucksform bei sich selbst ankommen, vollumfänglich angenommen und durch sich selbst erfüllt werden. Dies könnte das Erwachen zur Wirklichkeit unserer emotionalen Existenz als individuelle Herzwesen genannt werden. Braucht es also zwei Arten des Erwachens? Ein Erwachen des Geistes und ein Erwachen des Herzens? Sicher ist, dass wir ein Ausweiten des All-Eins-Seins-Bewusstseins in alle Aspekte unserer Existenz hinein, benötigen. Dies ist wie eine zweite Geburt zu verstehen.
Während das Erwachen die „geistige Intimität“ unseres Wesens in seinem Aspekt des All-Eins-Seins offenbart, so zeigt sich uns in der zweiten Geburt die „emotionale Intimität“ unseres Wesens in seinem Aspekt des individuellen Menschseins.
In der zweiten Geburt geht es darum sich selbst als die ganze Existenz sehen, sich selbst als emotionales Wesen „umfassend annehmen“, sowie sich selbst „seinlassen“ und „fühlen“ zu können!
Nur wenn wir durch all unsere Ängste hindurch die ganze Palette der menschlichen Gefühle im eigenen Herzen wahrnehmen und fühlen lernen, können wir das allumfassende Herz der Seinsgüte erleben. Dies ist sehr wesentlich um das Urvertrauen, das wir als Kleinkinder verloren haben wieder zurückzugewinnen. Liebe ist bedingungslos umfassend.

In Liebe
Saajid

April

Unübersehbar

Meditation ist
keinen Moment ohne
keinen Moment mit

kein Unterschied
zwischen irgendetwas
und irgendetwas anderem

Ist es nicht erstaunlich? Das Leben zeigt uns unübersehbar und in grosser Eindringlichkeit seit dem ersten Atemzug unseres Hierseins, dass es sich stets und unbeugsam wandelt, dass kein Augenblick in tausenden von Jahren, auch nur für eine Sekunde, gleich bleiben kann. Mit unserer Geburt wird zugleich auch unser Sterben geboren. Mit jedem Gedanken und jeder geistigen Haltung werden die daraus folgenden Geschehnisse geboren. Mit jedem Geschehnis werden zugleich auch all die daraus folgenden Konsequenzen geboren. Das Leben gleicht einem mächtigen Strom, der alles mit sich reisst, ob freiwillig oder unfreiwillig, die Richtung ist vorgegeben.
Ist es nicht erstaunlich, dass sich die ganze Menschheit, trotz dieser Offensichtlichkeit, so sehr an vermeintliche Sicherheiten klammert, welche uns ein Stücklein gleichbleibendes Glück bescheren soll, eine kleine Insel im reissenden Strom?
Wir haben viele und gut funktionierende Verdrängungsmechanismen entwickelt um die Tatsache der Vergänglichkeit aus unserem Bewusstsein zu schieben. Ablenkungen, Beschäftigungen, Dramen jeder Art und Projektionen jeder Art halten uns das unmittelbare Leben auf Distanz. Jedoch funktionieren all diese Strategien auf Kosten unserer Empfindungsfähigkeit, Sensibilität, Kreativität und Lebendigkeit. Unsere Glaubenssätze helfen uns dabei unsere Wahrnehmung zu manipulieren und zu verdrehen, damit wir uns mit unseren Selbsttäuschungen gut fühlen.
Sich Sorgen zu machen ist beispielsweise eine gute Ablenkungsstrategie. Sich um etwas, oder jemanden zu Sorgen wird im Allgemeinen als liebevolle Wertschätzung betrachtet. Jedoch kann sich übermässig um etwas zu Sorgen auch bedeuten, dass wir den Gefühlen, welche die Situation unmittelbar betreffen ausweichen. Mit unseren sorgenvollen Gedanken können wir unsere Gefühle der Unsicherheit und Unfähigkeit überdecken und dämpfen. Wenn wir uns übermässig Sorgen machen, so steht stets die lähmende Angst dahinter die Kontrolle über die Situation zu verlieren. Jede Kontrolle über eine Situation ist wie ein kleiner Staudamm im reissenden Lebensstrom. Wie lange wird der kleine Staudamm dem mächtigen Strom standhalten können? Vielleicht ein paar Augenblicke, vielleicht ein paar Jahre, jedoch wird das auseinanderreissen der Kontrolle stets mit Leiden begleitet sein.
Wir sind als menschliche Wesen fähig jede Situation mehr oder weniger zu verändern. Wenn wir jedoch eine Situation anders haben möchten als sie ist, so sind wir in unseren Möglichkeiten sehr eingeschränkt und verneinen die Dynamik des Lebens, das heisst uns selbst. Existenzielles Bejahen hingegen könnten wir jedoch als „den Herzensgrund des Lebens zu bezeugen“ beschreiben.

Bejahen ist die
wirkungsvollste Heilenergie
in dieser Welt

Das Leben sein zu lassen wie „es“ ist, sich dem Leben auszusetzen und aus dem Herzen der Seinsgüte zu leben, sind hilfreiche Grundlagen eines erwachten Lebens.

In Liebe
Saajid

März

Vollmond im Teich

Ein wiederkehrendes Motiv im Zen ist das Sinnbild eines Affen, der danach trachtet das Spiegelbild des Vollmondes aus dem Teich zu fischen. Das Vollmondlicht glitzert auf der Wasseroberfläche, der Affe hängt mit einer Hand an einem langen Ast, welcher über das Wasser reicht, mit der anderen Hand versucht er den Vollmond aus dem Wasser zu fischen, sehr darauf bedacht nicht ins Wasser zu fallen.

Der Mond symbolisiert unseren Geist, in welchem sich unser Wesen spiegelt. Ist unser Geist zu sehr beschäftigt, oder in Aufruhr, so kann er das Mondlicht nur fragmentarisch, oder überhaupt nicht spiegeln. Ist unser Geist klar, so leuchtet unser Wesensgrund ungehindert. Der volle Mond symbolisiert den reifen Geist in dem sich die Wesensnatur vollumfänglich spiegelt. Mit dem Affen kommt unser Ich ins Spiel. Es erkennt das Leuchten nicht als seinen eigenen Wesensgrund und möchte dieses scheinbar glitzernde Ding besitzen, aus dem Geist herausfischen. Unser Ich ist der Trennungsgedanken schlechthin. Aus seiner Sicht wird alles vereinzelt, fragmentarisch und aus Teilen zusammengesetzt wahrgenommen. Dies erschafft viel Leiden. So werden in allen Bereichen unseres Lebens die Inhalte unserer Wahrnehmung als zerstückelt, eigenständig und voneinander getrennt erfahren. Ebenso, wenn wir meditieren und erste Einbrüche in die Wirklichkeit unseres Wesens erleben. Was der Affe da tut wird im Zen als die Zenkrankheit bezeichnet. Tiefe Einblicke in unser Wesen werden von unserer Ichidentifikation wegen ihrer leuchtenden und seligen Natur als über alle Massen begehrenswert wahrgenommen. Das Ich möchte mehr davon haben und dies möglichst immer. Außerdem fühlen wir uns in unserer Ichverhaftung gefangen. Wir möchten aus dieser Verblendung heraustreten und in die Wirklichkeit unserer Natur hineinfinden. Doch es ist unmöglich aus einer Verblendung herauszutreten und es ist auch unmöglich in die Wirklichkeit hineinzutreten, denn Wirklichkeit ist das, was immer schon hier ist und Verblendung hat keine eigene Realität. Illusionen können nicht zerstört oder umgewandelt werden, da sie eingebildet, also nur scheinbar wirklich sind. Dies tönt offensichtlich und banal und doch verhalten wir uns meistens so, als seien unsere Wahrnehmungen unantastbar wahr. Der Mond, welcher sich im Wasser spiegelt, das Wasser und das Selbst, welches in Form der Ichidentifikation, den Mond aus dem Wasser fischen möchte, sind ihrer Natur nach Eins.
Die Spiegelung auf der Wasseroberfläche versucht uns in die Tiefe unseres Wesens zu führen, jedoch anstatt in unser Wesen einzutauchen versucht unser spirituelles Ich die Erfahrung der Spiegelung zu wiederholen, zu vermehren und zu besitzen. Diese Fixierung auf das Erreichen, die Wiederholung und Vermehrung spiritueller Erfahrung ist eine Sackgasse, welche auf allen spirituellen Wegen zu finden ist. Das Resultat macht sich als eine Art spirituellen Materialismus bemerkbar. Fixiert und geblendet von der leuchtenden Kugel versucht der Affe vielleicht sein Leben lang den Mond aus dem Teich zu fischen. Doch er wird alles unternehmen dabei nicht ins Wasser zu fallen. Er wird auf jede nur erdenkliche Weise an das Problem herangehen, jedoch stets auf der Hut sein nicht ins Wasser zu plumpsen. Bis der Ast vielleicht plötzlich kracht, der Affe unerwartet ins Wasser platscht und unter der Oberfläche verschwindet. Der Mond und die Ichidee werden sicherlich dabei schlagartig aus dem Bewusstsein springen.

nasser, lachender Affe
den alten Teich
in den leeren Händen


In Liebe
Saajid

Februar

Meine Geschichten

Zwischen dem Heute deiner Geburt
und dem Heute deiner Gegenwart
ist keine Zeit vergangen

Hängen wir nicht allzu oft in der Erfolgs-Misserfolgs-Spirale fest? Geben wir gewissen Dingen und Ereignissen nicht allzu oft große Bedeutung und anderen
Dingen und Ereignissen wenig, oder gar keine Bedeutung? Teilen wir nicht unsere Situationen sowie Lebensgüter meistens in, zu Mir-gehörendes und zu Dir-gehörendes, in Wertvolles und Minderwertiges, sowie Begehrenswertes und zu Vermeidendes, ein? Dies ist sicherlich der Stoff aus dem unsere Geschichten gewoben sind, nicht wahr? Dieses Beurteilen, Verurteilen und Unterteilen ermöglicht uns vielschichtige und unzählige Gelegenheiten der Selbstreflexion, jedoch auch ebenso viele Gelegenheiten uns heillos zu verwickeln, zu verstricken und in einen Leidensstrudel zu geraten. Wir beziehen unsere Leidensintensität aus den Dramen, welche wir durch die Identifikation mit „unseren“ Geschichten erhalten.
Die Vergänglichkeit und der stete Wandel des Lebens erzeugen kontinuierlich sich verändernde Wahrnehmungseindrücke in unserem System. Diese Eindrücke werden durch „meine“ Konditionierungsfilter in „meine“ Form gefasst. Diese Fähigkeit unseres Gehirns, Wahrnehmungseindrücke auf individuelle Weise in unsere Psyche einzuspeichern, ermöglicht das Erleben von Zeiträumen, beziehungsweise Zeit-träumen. Geschichten sind immer zeitgebunden, ausnahmslos subjektiv und haben keine eigene Wirklichkeit, aber sie sind sehr wichtig für unsere Selbstbilder und somit für unsere Persönlichkeitsformung, sowie Identitätsfindung.

Geschichten können kurzatmig, langatmig, tragisch, glücklich, langweilig, spannend, traurig, lustig, wunderbar, berührend, unscheinbar und überbordend sein und unendlich vieles mehr, denn sie folgen der Dynamik der Vermehrung. Grenzenlos alles was unserer Phantasie entspringt kann in Geschichten gepackt werden. Geschichten können auch wie eine Droge für uns sein, um uns nicht umfassend mit uns selbst auseinandersetzen zu müssen, um nicht mit uns selbst alleine zu sein und uns selbst aushalten zu müssen.
Wir Menschen lieben Geschichten, wenn wir sie erzählt bekommen und wenn wir sie erzählen können, aber wir lieben sie nicht immer, wenn sie uns geschehen. Wir lieben sie solange wir darin die Sieg- und Erfolgreichen sind, solange wir an ein Happyend glauben, oder gerade mal wieder der Täuschung unterliegen, diesen flüchtigen, glücklichen Augenblick festhalten zu können. Doch wir leiden daran, wenn unsere Geschichten uns „ent-täuschen“. Dass jeder Täuschung unweigerlich die Enttäuschung folgt verdrängen wir nur allzu oft und auch, dass alle Geschichten unweigerlich ihr Ende haben.
Wir denken vielleicht, dass Geschichten in der Vergangenheit beginnen, oder in der Zukunft ihr Ende haben, doch das stimmt nicht wirklich. Ebenso wie sie immer genau „hier“ ihren Anfang nehmen, so enden sie auch immer genau „hier“. Was können wir also tun? Sollten wir uns in das Leben stürzen und uns heillos darin verstricken, oder uns aus Angst sich zu verstricken Tod stellen und unsere Lebendigkeit unterdrücken? Oder wie wahrscheinlich die Mehrheit der Menschen, mal ein bisschen dieses, mal ein bisschen jenes, je nach dem?

Wir kommen nicht darum herum alles auszuprobieren, bis unser Bewusstsein die Möglichkeit erkennt seine Geschichten nicht auf sich „als Selbst“ zu beziehen. Diese Möglichkeit gibt uns eine ganz erstaunliche Perspektive, nämlich uns umfassend in das Geschehen, gleichwertig mit allem Wahrgenommenen, mit einzubeziehen. Wir könnten dies ein aktives Wahrnehmen ohne Ausgangspunkt, oder ein Wahrnehmen ohne das Wahrgenommene auf den Wahrnehmenden zu beziehen, nennen.

Dies bedingt jedoch die Aufgabe der Fixierung unserer Wahrnehmung auf sich selbst als Bezugs- und Kontrollsystem; sowie eine beharrliche Bereitschaft nicht in der Welt seiner Wahrnehmung verloren zu gehen und auch nicht die Wahrnehmungen von außen her oder distanziert zu beobachten, sondern alles Wahrgenommene von seinem Wesensgrund her wahrzunehmen.

In dieser Sicht gibt es keine Trennung zwischen dem Erlebenden und dem Erlebten, denn der Wahrnehmende, das Wahrgenommene und die Wahrnehmung sind Eins. Dies bedeutet sich selbst ein Geschehnis zu sein. Was für eine unendlich friedvolle und entspannte Haltung gegenüber dem ganzen Leben, das ich bin. Mit offenem, unschuldigem und berührtem Staunen wahrzunehmen, was gerade geschieht und nicht was „mir“ geschieht.

Januar

Hier und jetzt der Dualität entronnen

Es ist modern geworden die Dualität zu überwinden, oder zu transzendieren, oder als Illusion zu bezeichnen und sich der Nondualität zuzuwenden. Wir machen das in unserer vertrauten, trennenden Art und Weise, nämlich über Abspaltung. Wir setzen der Dualität die Nichtdualität, das Eine, das Absolute, oder auch die Nondualität genannt, gegenüber. Doch alles Duale ist in seinem Wesen nondual. Dualität und Nichtdualität sind nur die Bezeichnungen zweier Aspekte des Einen. Einssein kann nicht getrennt werden. Es gibt in der ganzen Existenz nichts, das wirklich getrennt wäre.

Sich mit dem Absoluten als Gegensatz zu unserer dualen, materiellen Welt auseinanderzusetzen ist, wie immer, sehr praktisch um dem Schmerz unseres Herzens zu entkommen. Wir nennen diesen Vorgang dann gerne „transzendieren", jedoch versuchen wir uns damit nur unbewusst tiefer von unserem Leiden zu trennen. Wenn wir unsere unangenehmen Gefühle tiefer ins Unbewusste abdrängen, so können wir sie nicht mehr spüren und uns daher auch wesentlich besser über die Tatsache der Abspaltung hinwegtäuschen. Doch Nichtfühlen ist nicht gleichbedeutend mit Verschwindenlassen. Eine Wunde braucht Heilung, nicht Transzendenz oder Verdrängung. Wir tragen viele Wunden mit uns. Aber wir lassen uns im Allgemeinen lieber im Satsang dahingehend betüdeln, dass durch Nichtidentifikation mit unseren Gefühlen, vor allen Dingen ungeliebter Gefühle, der Mist schon gekarrt sei, oder die Suppe schon gegessen sei. Dem ist nicht so. Die vermeintliche Auslöschung des Egos ist nur die Ausserkraftsetzung einer guten und nützlichen Strategie der Individualisierung unseres Wesens. Oft wird das Ego mit der Persönlichkeit, der Individualität und der Einzigartigkeit unserer Erscheinung gleichgesetzt und damit das Kind mit dem Badewasser ausgeschüttet. Diese von vielen Religionen vertretene Überzeugung hat über die Jahrtausende einen Horror vor Selbstauslöschung und eine stets verdrängte Panik im Unterbewusstsein spirituell Suchender Menschen erzeugt. Wer möchte denn schon wirklich ausgelöscht werden? Selbst zum Preis der Vereinigung mit dem Göttlichen ist niemand wirklich dazu bereit, ausser ein paar Kamikaze-Samurais mit Selbstmordtendenzen. Nein, es ist nicht nötig und es wäre auch irrwitzig einen existenziellen Preis dafür bezahlen zu müssen um vollständig existenziell zu werden. Dieser Irrtum entspricht der Dynamik unserer eingebildeten, strategischen Selbstidee und deren Ideale, welche stets bereit dazu sind Ziele anzuvisieren, die scheinbar irgendwo in der Zukunft liegen sollen.

Spiritueller Ehrgeiz, mangelnder Selbstwert und die Idee, dass es, was wir auch immer damit meinen, besser werden sollte, lässt uns kontinuierlich in eine eingebildete Zukunft abschweifen. Doch die Türe zu unserem vollumfänglichen Selbst liegt in der Unmittelbarkeit unserer irdischen Existenz. Und ich möchte Unmittelbarkeit nicht mit Hier-und-Jetzt gleichsetzen, denn diese Bezeichnung ist wieder mal gerade im Begriff zu einer modernen, schönfärbenden und verfänglichen Vermeidungsidee zu mutieren, in der Hoffnung existenziellem Leiden zu entrinnen. Unmittelbarkeit ist vollumfänglich existenziell. Das Hier-und-Jetzt kann jedoch als ein wirkungsvolles, spirituelles Übergangskonzept verstanden werden, welches den Nullpunkt von Raum-Zeit darstellt, um uns einen Übergang zu raum-zeitlosem Erleben zu verschaffen. Diese nützliche Strategie soll uns, über die Hinwendung an die Unmittelbarkeit des Lebens und Erlebens, aus der Raumzeitfixierung herausführen und nicht aus dem vielschichtigen Fühlen unserer irdischen Existenz. Vielleicht sollten wir endlich mal begreifen, dass menschliche Schwächen zu unserer Ausrüstung gehören und dass es im menschlichen Leben zu allererst darum geht sich als sexuelles und emotionales, irdisches Wesen vollumfänglich und liebevoll anzunehmen.

Die alles
erfassende Kraft
ist Liebe


In Liebe
Saajid