2015

Dezember

Selbstverantwortung

- Innehalten, hier-jetzt-Gewahrsein.
- Einatmen – ausatmen.
- Alles wahrnehmen, einfach so, ohne Vorstellungen, ohne Glaubenssätze, ohne Benennungen und ohne sich einzumischen.
- Gedanken vorbeiziehen lassen, Gedanken sein lassen.
- Körperereignisse, Gefühle, Emotionen, alles was erscheint sein lassen.
- Nichts festhalten, in nichts schwelgen, nichts vermeiden, nichts analysieren.
- Alles kommt, alles geht – alles kommen, alles gehen lassen.
- Alles sein lassen.
- Einatmen – ausatmen geschehen lassen.
- Den Körper in allen Einzelheiten und als Ganzes wahrnehmen.
- Den Raum um den Körper herum und alles was im Aussen erscheint wahrnehmen – Stille grenzenlos und weit.
- Den Innenraum des Körpers und alles was im Innern erscheint wahrnehmen – Stille grenzenlos und weit.

Diese Art des umfassenden Wahrnehmens wird als das Herausschälen des Beobachters bezeichnet. Doch wenn wir uns als den Beobachter erkannt und stabilisiert haben, so sollten wir noch weiter gehen.

- Den Beobachter selbst, das Wahrnehmen selbst wahrnehmen.

Die Wahrnehmung des Beobachters ist eine „reine“ Wahrnehmung, sie geht nicht von der Identifikation als Person oder von einem Ich als Beobachter aus. Es ist hier niemand zu finden der „all das“ wahr nimmt und doch ist es das Gewahrsein unseres Wesens, das sich nun als Selbst, als ungetrenntes Ganzes erkennt.
Die Trennung in Ich und alles Andere wird als rein konzeptuell erkannt und fällt ohne Anhaftung in sich zusammen. Es ist rein, das heisst frei von Ego, frei von Identifikation. Unser Wesen und das was wahrgenommen wird, sowie das Gewahrsein selbst sind ungetrennt und untrennbar Eines.
Diese Art der Wahrnehmung ist sehr unüblich und absolut haltlos frei, aber sie ist weder verborgen noch geheim, sondern stets offenbar. Reines Gewahrsein ist natürlich und daher ganz mühelos als solches erkennbar.
Wir benötigen keine jahrelange Meditationspraxis um reines Gewahrsein als solches zu erkennen, jedoch meist viele Jahre der Hinwendung um sie vertieft zu leben. Unsere Aufmerksamkeit ist üblicherweise nach aussen gerichtet und zieht sich selbst nicht in das Geschehen mit ein. Dieses Missverständnis aufzuklären ist nicht schwierig, wenn das Gegenüber offen dafür ist. Die Erkenntnis des reinen Gewahrseins ist unmittelbar und geschieht zumeist sehr plötzlich. In unserer Zeit wird dummerweise die Erkenntnis des reinen Bewusstseins mit vollständigem Erwachen, oder mit Erleuchtung gleichgesetzt und tüchtig damit Geschäfte gemacht. Schlimmer noch, es wird ein altes folgenschweres Missverständnis gestärkt, nämlich die Idee, dass ich nicht wirklich existieren könnte, dass meine Individualität eine Illusion sei.
Im nicht durch Meditationspraxis verwurzelten Geist wird durch die Erkenntnis, dass „hier“ niemand zu finden ist, welcher „all das“ wahrnimmt, das lebendige Paradox unserer Existenz oft falsch interpretiert. Die Auswirkungen sind grobe Selbsttäuschung und Mangel an Selbstverantwortung, sowie Ängste in existenziellen Bereichen z.B. durch Erwachen oder Erleuchtung ausgelöscht zu werden usw.
Um uns vor solchen Verblendungen zu schützen bewahren wir stets den Anfängergeist. Selbstverantwortung heisst im wortwörtlichen Sinne die Verantwortung für unser Selbst zu übernehmen und die neue im reinen Gewahrsein als lebendiges Paradox erweitert Wahrnehmungsweise in der täglichen Meditationspraxis zu verwurzeln.

In Liebe Saajid

November

Selbst-Liebe

Kürzlich träumte ich von einem guten Freund, welcher in meinem Traum wütend, frustriert und verzweifelt: „Ich möchte endlich so geliebt werden wie ich bin!“ gerufen hat.
Wie sehr nachvollziehbar dieser Satz doch ist und wie viel Resonanz er in uns allen auslösen kann! Steht dieser Ausruf doch für die Bedürftigkeit der ganzen Menschheit. Wer kämpft in seinem Leben nicht darum so geliebt zu werden wie er oder sie sich selbst sieht?
Wir möchten dass unser Umfeld uns so wahrnimmt, wie wir unsere eigenen Selbstbilder ausgeformt haben. Einfach so, wie ich glaube oder mir selbst weissmache, dass ich bin. Alle unsere Geschichten in der Literatur, in Filmen und auf den neuen, sozialen Medienplattformen drehen sich im Kern um das Thema: „Ich möchte endlich so geliebt werden wie ich bin!“
Doch dieses Bedürfnis hat mit Liebe nichts zu tun. Wir verwechseln in diesem Ruf nach Liebe wirkliche Liebe mit Bedürftigkeit und das wahre Selbst mit dem rufenden Ich.
Niemand kann so geliebt werden wie er (oder sie) seine Selbstbilder, Identifikationen und Konditionierungen fixiert hat. Liebe funktioniert einfach nicht auf diese Art und Weise. Liebe kann nicht irgendwelche bedingte und fixierte Vorstellungen lieben nur weil wir an unsere Ichmasken glauben und uns an sie klammern. Unser Wesen ist Liebe und sieht in allen Wesen Liebe. Liebe führt sich selbst nachhause, das heisst zu sich selbst, zur Liebe zurück. Genau dies ist unter Selbstliebe zu verstehen. Liebe liebt alle Wesen und die ganze Existenz, egal wie und was in Erscheinung tritt, denn alles was existiert ist in seiner Essenz Liebe. Auch unser Selbst, ungeachtet davon was wir in unserer Hypnose des Getrenntseins glauben, ist Liebe.
Liebe liebt nicht die Dinge so „wie“ sie sind, sondern „weil“ sie sind. Der Liebe ist es egal wie die ganze Existenz ausgeformt ist, oder sich verhält, weil sie weiss, dass im Grunde alles Liebe ist. Es genügt ihr zu „sein“ und sich selbst in allem wiederzuerkennen. Liebe trennt nicht in Ich und alles Andere und muss deshalb auch nicht alles Andere lieben.
Liebe ist alles was ist!
Die Ideen irgendwohin Liebe zu geben oder von irgendwoher Liebe zu erhalten entspringt unseren Trennungsillusionen. Energiesysteme haben die natürliche Tendenz sich auszugleichen. Das Ich bezieht den wahrgenommenen Energiefluss auf sich und seine Vorstellungen davon was es wahrgenommen hat, daher glauben wir mehr oder weniger Liebe zu haben, zu geben, oder zu bekommen. Die Veränderung geschieht jedoch in und mit unserem Herzenergiezentrum, das sich sehr eng verschliessen oder sehr weit öffnen kann. Liebesenergie entspringt einem der drei Aspekte des Lebens selbst, das so treffend mit Sat-Chit-Ananda bezeichnet werden kann. Sat (lebendige Stille, Weite und Leere, oder göttliches Sein), Chit (reines Gewahrsein oder Bewusstsein) und Ananda (Liebe, Glückseligkeit). Diese drei Aspekte sind untrennbar Eines.
Im menschlichen Leben sind auf natürliche Weise all die Ausdrucksweisen, Gefühle und Empfindungen welche diese drei Aspekte betreffen bedingungslos, das heisst unabhängig von äusseren, oder inneren Umständen, in unserem Wesen angelegt. Darum brauchen wir keinen Grund um Freude zu empfinden oder um glücklich zu sein. Ebenso ist es mit Liebe. Liebe ist bedingungslos und grundlos hier.
Liebe ist nie in qualitativer oder quantitativer Weise mal mehr oder weniger anwesend. Wir sind es welche, in ihren Zweifeln, Verblendungen, schwankender Aufmerksamkeit und Bewusstheit, mehr oder weniger anwesend sind.
Unsere Existenz ist in sich selbst das, nach dem wir, wenn wir wirklich ehrlich sind, am meisten dürsten - sich entfaltende Liebe.
Es geht darum sich der Liebe zu öffnen und nicht diese „haben“ zu wollen.

In Liebe Saajid

Oktober

Hierher

Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen ist eine der wesentlichen Voraussetzungen für ein erwachtes Leben. Doch was heisst das genau, Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen? Wer übernimmt hier was?
Es gilt als modern zu sagen, dass im erwachten Geist niemand zu finden sei. Im rein intellektuellen Verständnis erzeugt diese in spirituellen Kreisen allgemein anerkannte Weisheit vielfältige Missverständnisse. Die Auswirkungen reichen von der Idee durch das geistige Erwachen ausgelöscht zu werden bis zur Idee nach dem geistigen Erwachen stets und ausschliesslich aus der Stille zu reden und zu handeln und damit selbstverständlich zweifelslos immer recht zu haben bis hin zur Überzeugung unfehlbar zu sein.

Bewusstsein das sich selbst als Bewusstsein erkennt nimmt sich auf der Handlungsebene als spontanes Geschehnis wahr. Da ist kein Ich zu finden, das irgendetwas tut. Diese Tatsache ist jedoch auch schon vor dem Erwachen offensichtlich und ganz leicht erkennbar, wir schauen nur einfach meistens nicht gerne in diese Richtung. Welche Ichidentifikation möchte denn schon gerne hören, dass sie nichts weiter als ein Gedankenkonstrukt sei? Da ist nichts weiter Geheimnisvolles dran. Die Einzigartigkeit unserer Erscheinung bleibt davon unberührt. Die Individualität unseres Wesens ist stets einmalig, jedoch kein geschlossenes und getrenntes Bezugssystem wie es unsere Ichideen eben gerne hätten.

Wir sollten nicht unterschätzen wie wichtig der Ausgangspunkt unserer Lebensbetrachtungen ist. Wir wollen im Allgemeinen nicht irgendjemandem und schon gar nicht ganz generell an irgendetwas glauben und doch ist die Tatsache die, dass unser Verstand voll davon ist, ja nicht anders kann, es sogar seine Aufgabe ist, stets voller Glaubenssätze, Vorstellungen Überzeugungen und Annahmen zu sein und mit diesen zu operieren. Es ist sehr spannend zu entdecken von wo aus wir gerade unser Leben betrachten. Wir haben in unserem Verstand und unserer Psyche sehr vielschichtige und sich stets wandelnde Plattformen der Wahrnehmung errichtet, welche unser Erleben kontinuierlich filtern, einfärben und zensurieren. Wir tun dies um uns von der Wucht unseres Erlebens zu distanzieren und die Verantwortung (Antwort) irgendwo da draussen anzusiedeln.
In diesem Sinne ist Verantwortung nicht wie üblich im Kontext der Entsprechungsthemen zu verstehen, indem wir es dem, der, oder den Antwortenden und bestimmenden Instanzen recht machen müssen, sondern als eine Antwort aus dem eigenen Selbst zu erkennen und zu betrachten. Selbstverantwortung bedeutet hier unser Erden- Erleben bedingungslos und umfassend zu uns selbst zu nehmen. Damit setze ich nicht mehr die Umstände, Begebenheiten und all jene, welche ich für was auch immer verantwortlich mache, vor die Sicht meines Erlebens. Das heisst mit anderen Worten, dass mein Blick nicht mehr an vermeintlich Schuldige und Umstände gebunden ist, sondern sich frei zur Wirklichkeit „meines“ Erlebens hinwenden kann.

Daher weisen uns die Mystiker und Zen-Patriarchen von alters her darauf hin, dass die Voraussetzungen für einen klaren Blick auf die Wirklichkeit der Existenz das Nicht-benennen und Nicht- Beurteilen der Erscheinungen sei.
Lebendige Wahrheit verändert und vertieft sich ständig. Wahrheit ist nie absolut. Wahrheit kann für lebendige Menschen immer nur provisorisch sein.

Wenn du bereit bist dein Erleben vollumfänglich zu dir selbst zurückzunehmen kann sich Selbstliebe, Würde und Erfüllung als Antwort aus deinem Selbst manifestieren; das umfassende Gefühl nachhause zu kommen.

In Liebe Saajid

September

Öffne den Raum

In der Tiefe unseres Wesens sind wir Stille, Leere, Weite, offener Raum. Doch wir leben als seien wir ein geschlossenes System. Unsere Wahrnehmung ist oft eng, eingeschränkt und auf etwas ganz bestimmtes fixiert, das wir mit unseren Trennungsgedanken aus dem Zusammenhang reissen und als „das Andere“ vor uns hinstellen. Wir sind sodann wie mit einem Brennglas auf das Objekt unserer Betrachtung fokussiert und setzen es mit uns als Erlebende/r in Beziehung. Wir selbst, sowie das Betrachtete werden so zu Objekten der Einbildung und Vorstellung unseres Egos. Doch alle Wesen und alle Geschehnisse in der Existenz des Lebens sind in ihrem Wesensgrund eines, das heisst sind das, was jedes Wesen in seiner Ganzheit repräsentiert: lebendige Stille, Leere, Weite, offener Raum.
Das Ego ist eine Verkrampfung unseres Wesens. Es ist eine durch Einbildungen und Glaubenssätze gestützte und fixierte Wahnidee mit sehr nützlichen und überlebenssichernden Eigenschaften. Das Ego wurde zu allen Zeiten als beliebter Sündenbock unserer Einbildungen und Verblendungen gehandelt. Jedoch machen wir so nur die Äste des Baumes für seine Wurzeln verantwortlich.
Es ist nicht notwendig das Ego aufzulösen oder zu zerstören und es ist auch nicht
notwendig aus einem engen Kasten heraus zu leben.
Dein Erleben basiert auf Raum. Öffne den Raum! Befreie Deine Wahrnehmung aus seinen engen Vorstellungen und Identifizierungen.
Lebe als offene Weite in die offene Weite der Wirklichkeit hinein!
Schaue wo und wie du in deinem Leben dich fixierst, fokussierst und einengst und beginne damit den Erscheinungen in deinem Leben kontemplativ zu begegnen. Kontemplative Betrachtung der Erscheinungen ist die Voraussetzung aller wesenhaften Offenbarungen. Kontemplative Betrachtung ist direkte Betrachtung, das heisst ohne zu benennen, vergleichen und urteilen. Es ist eine offene, unkonditionierte und ichbezugslose Betrachtungsweise, welche sich unmittelbar an die Substanz aller Dinge wendet. Wir sind das leere Gefäss, sowie der Inhalt aller Erscheinungen. Alles taucht in uns auf und verschwindet in uns und ist doch vom selben Sein. Wenn wir uns mit unserem Geist identifizieren glauben wir vielleicht, dass wir uns von allen Inhalten leeren sollten. Doch dies ist nicht nötig, da die Natur unseres Wesens von sich aus geräumige Leere ist. Unser Geist kann unser Wesen nicht spiegeln, wenn er voller eingebildetem Gerümpel ist. Das ist alles was es mit der Leere auf sich hat. Es ist nicht nötig künstlich zu versuchen seinen Geist oder sein Wesen leer zu machen und sich auf diese oder ähnliche Ideen zu fixieren. Wesensnatur ist das was wir sind. Wie sollten wir erreichen können was wir schon sind? Jede Idee, welche wir über unser natürliches Sein setzen verschleiert uns die Sicht des Ursprungs.
Öffne den Raum deiner Wahrnehmung! Nimm das Leben aus der Geräumigkeit deines Hierseins wahr und nicht aus der Ichbezogenheit deiner Fixierungen!
Dies ist dir immerzu möglich, denn dein Hiersein ist spontan, direkt und benötigt keine Zeit. Erwachen ist unmittelbar zeitlos hier. Erwachen ist die natürliche Grundlage deines Lebens und keine ferne und heilige Trophäe, die dir nach mühevollen Verdiensten und leergefegtem, stumpfem Geist überreicht wird. Gehe dir selbst aus dem Weg und du wirst sehen was die Wolken verbergen.
Freue dich bevor du Grund zur Freude hast, denn jeder Grund ist ein Schritt weit weg von der Unmittelbarkeit deines wahren Seins.
Glaube dich nicht als verloren, denn dann benötigst du keine langen Wege um dich zu finden. Wesensnatur ist in sich selbst erfüllt und grundlos glücklich. Der kürzeste Weg nachhause zu dir selbst ist daher dein Hiersein grundlos und in sich selbst erfüllt zu schätzen, zu lieben und zu leben.

„Geh mit den Dingen und sei vom Gefühl her geräumig.“
Foyan

In Liebe Saajid

August

Der Wind des Lebens

einatmend
strömt Leben in mein Wesen
erfüllt alle Erscheinungen mit Lebendigkeit

sich ausdehnende Lücke
Stille
offene Weite
haltlos, fassungslos

ausatmend
strömt Leben aus meinem Wesen
entleert und entbindet meine Einbildungen

sich ausdehnende Lücke
Stille
offene Weite
haltlos, fassungslos

Schwingtüre zur Ewigkeit

In Liebe
Saajid

Juli

Bewusstes Sein

Das Bewusstsein sitzt in seinem Theatersaal des Bewusstseins und erzählt sich die Geschichte seines Bewusstseins, als ich und die Welt.
Mit dem Titel : Mein Leben.
Autor: Das Bewusstsein. Regie: Das Bewusstsein. Kamera: Das Bewusstsein. Bühne, Bühnenbilder, Kostüme und Ausstattungen: Das Bewusstsein. Masken und Effekte: Das Bewusstsein. Hauptrollen und Nebenrollen: Das Bewusstsein. Statisten, Haustiere und Pflanzen: Das Bewusstsein. Die Welt und das Universum: Das Bewusstsein. Übersetzungen und Kommentare: Das Bewusstsein. Alle Rechte : Das Bewusstsein.


Bei manchen Menschen hält das Bewusstsein ab und an inne und wendet sein Bewusstsein dem Bewusstsein ohne Geschichte zu. Das Bewusstsein ruht sodann in seiner eigenen Quelle und verweilt im bewussten Sein als reines Gewahrsein, als ich bin das Ich-bin.

Auf der Ebene der Erscheinungen sind wir jedoch auch mit einer unglaublich vielschichtigen und differenzierten Ausrüstung ausgestattet und bewegen uns in einer ebenso vielschichtigen und sehr herausfordernden Gemeinschaft aus Mitmenschen, vielerlei Wesen, Pflanzen, Mineralien und so weiter. Jeder Augenblick ist hier einzigartig. Das Gesetz der Wandlung lässt keine Wiederholungen zu, auch wenn sich viele Begebenheiten sehr ähneln können. Es gibt keine wahren Konzepte, welche uns sicher durch dieses sich stets verändernde Leben leiten könnten und von keinem Ereignis kann hundert prozentig auf ein Anderes geschlossen werden. Und doch sammelt unser Verstand eifrig Glaubenssätze. Wir sind als menschliche Wesen sehr verletzlich. Unsere Bedürfnisse und Befindlichkeiten bewegen sich oftmals nicht parallel zu unseren Konzepten und Selbstbildern. Wir verhalten uns daher oft so als sei unser Leben ein Problem, das es zu lösen gilt. Ohne klare Selbsterkenntnis sind wir sehr oft mit dem Leben und uns selbst überfordert.
Es gibt jedoch eine andere Möglichkeit mit dem Leben umzugehen. Durch Innehalten und Hinwendung an unser „Hier-Sein“ können wir unsere ursprüngliche Quelle entdecken und aus ihr leben lernen.

Meditations-Praxis ist keine Strategie um unsere Ideale, Wünsche oder Hoffnungen zu erfüllen.

Meditation ist das Feiern unseres bewussten Hierseins.

Meditations-Praxis ist Freiheit. Sie ist eine Disziplin der Einsicht, der Entschlossenheit und tiefen Hinwendung.

Diese Art der Disziplin ist ungezwungen, beweglich, leicht und freudvoll.
Sie schwingt mit der Weisheit des in allem innewohnenden Lebens.

Sie ist kein Drill des Körpers, der Haltung, der inneren und äußeren Einstellung.
Diese Disziplin ist nicht beugend, steif, rücksichtslos, unbeweglich und einengend.

Eine Meditations-Praxis der Freude ist durchdringend.

In Liebe Saajid

Juni

Vom Ich zum Selbst

Das Bewusstsein des Menschen hat sich im Laufe der Jahrtausende radikal verändert. Aus einem der Herde und Sippschaft zugewandten Wesen wurde ein Mensch mit einem Bewusstsein für sich selbst. Unter dem Begriff Individuation wird der Weg zu einem eigenen Ganzen verstanden. Das heisst der Wandel des Menschen aus seinem Verständnis als kollektives Wesen zu einem umfassenden Verständnis als individuelles Wesen innerhalb von Gemeinschaften. Dieser Prozess ermöglichte die differenzierte Entfaltung der eigenen Fähigkeiten, Anlagen und die Erkundung erweiterter Möglichkeiten, um sich dadurch als etwas Eigenes, Einmaliges zu erkennen und zu verwirklichen.
Dieser Entwicklungsschritt beinhaltete jedoch auch, die Erwartungen anderer zu enttäuschen, Verbote zu übertreten und eigene Maßstäbe zu finden um die bis anhin geltende Anpassung an kollektive Normen, Dogmen und Gesetze zu überwinden.
In den letzten Jahrhunderten hat der Mensch in sehr großem Ausmaß seine Individualität ausgelotet und mit seinen macht- und ichsüchtigen Exzessen fast seinen ganzen Planeten ruiniert.
Der Mensch nannte diesen Prozess Selbstverwirklichung. Doch in Wirklichkeit bezeichnet dieser Prozess bisher lediglich die Ichverwirklichung seiner Individualität, da dieses Ichbewusstsein bisher nur bei sehr wenigen Menschen zu einem Selbstbewusstsein weiterentwickelt wurde.

Auf dem Weg seiner Individuation ist der Mensch immer wieder gefordert, sich aktiv und bewusst den neu auftauchenden Problemen zu stellen und seine Entscheidungen vor sich selbst zu verantworten. Individuation bedeutet, sich nicht danach zu richten, „was man sollte“ oder „was im allgemeinen richtig wäre“, sondern in sich hinein zu horchen, um herauszufinden, was die innere Ganzheit (das Selbst) jetzt hier in dieser Situation „von mir oder durch mich“ bewirken will. C. G. Jung

Das Ich ist nur eine konditionierte Funktion des individuellen Selbst. Es ist hier wesentlich zwischen dem individuellen und dem universellen Selbst zu unterscheiden, obschon diese in ihrer Essenz dasselbe sind. Unser Selbst ist also ebenso individuell (einzigartig), wie auch universell (All-Eins). Das individuelle Selbst bezeichnet die einzigartige Ausprägung unseres Wesens als geborenen, irdischen Menschen, während wir das universelle Selbst als unsere Wesensnatur, oder göttlichen Ursprung verstehen können. Die Selbstentwicklung ist also nicht mit der Ichverwirklichung abgeschlossen, sondern lediglich der Beginn unserer Selbstverwirklichung.

Was geschah bisher und was geschieht nun?

Der Mensch wurde sich seiner Umwelt und seiner Situation in vertieftem Masse bewusst. Dieses Bewusstsein erweiterte sich schrittweise zu einem Ichbewusstsein. Also zu einem Bewusstsein seiner Situation, Umwelt und sich als Individuum. In der heutigen Zeit erweitert sich sein individuelles Bewusstsein weiter indem er sich durch Innenschau, Selbsterforschung und Loslösung von seiner einengenden, isolierenden Ichillusion, nun als umfassendes, integriertes Selbst wahrnehmen lernt. In der Vertiefung und Integration der Individualität wird das Selbst sowohl individuell als auch universell, existentiell erlebt; also als Eins-sein, oder Einheitsbewusstsein. Dies geschieht indem sich unser Bewusstsein auf das neu entdeckte Selbst-Bewusstsein richtet. Das Gewahrsein (oder Bewusstsein) wird sich selbst als Gewahrsein gewahr und verweilt als dieses. Dieser Prozess wird als Meditation (Dhyana, Vipassana und Zazen) bezeichnet.

Es geht also für die meisten Menschen unserer Zeit in diesem Prozess nun darum eine erweiterte Wahrnehmung zu entwickeln, welche über das Ichbewusstsein hinaus geht, um aus der Sackgasse der üblichen Subjekt-Objekt-Beziehung heraustreten zu können. Es ist die Erkenntnis, dass alles was ich „Ich“ nenne von meinem Bewusstsein, oder Gewahrsein ebenso wahrgenommen werden kann wie äußere Objekte und Wesen. Wird dies erkannt, so stellt sich die Frage: „Was ist das für ein Ich, welches das Ich sieht? Wer bin ich wirklich?“und „Was ist das für ein Gewahrsein, das sich des Gewahrseins gewahr ist?“ Diese Untersuchung sollte nicht rein intellektuell sondern durch Hinwendung und Innehalten in stiller Beobachtung (Meditation) geschehen.

In diesem Prozess ist es wesentlich seine natürliche, körperlich-emotionale, irdische Identität beizubehalten und wertzuschätzen.

Es wird höchste Zeit für uns Menschen unsere Individualität in unser Selbst zu integrieren und uns sowohl als Individuum wie auch als Einheit im All-Eins-Sein zu verstehen und dies hier auf dieser Erde als lebendigen Ausdruck umzusetzen.

In Liebe Saajid

Mai

Die vergessene Pforte zum Paradies

Für mich gibt es nichts anderes als das Leben. Du kannst es Gott, Existenz, oder irgendwie nennen. Doch egal wie du es nennst du hast nur diesen Moment. Lebe total und intensiv, so dass jeder Moment golden und dein ganzes Leben eine Serie von goldenen Augenblicken wird. Wenn du das Leben richtig gelebt hast wirst du bereit sein das Mysterium des Todes zu erfahren. Das Mysterium das offenbart, dass der Tod nur eine Hülle darstellt, denn darunter liegt deine Unsterblichkeit, dein ewiges Leben.
Osho

Ein erstaunliches und unfassbares Missverständnis, das sich seit Menschengedenken hartnäckig gehalten hat ist die Idee, dass unser Leben aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bestehen soll. Es gibt gar Menschen, welche behaupten es existiere nur Vergangenheit und Zukunft, da die Gegenwart zwischen Vergangenheit und Zukunft nicht greifbar sei. Im Bruchteil eines Augenblicks werde aus allem Bestehenden schon wieder Vergangenheit. Tatsache ist jedoch, dass das Leben nur in der Gegenwart stattfindet und nur so stattfinden kann. Die Vergangenheit und die Zukunft lassen sich nicht leben, da sie im Reich des Ungeborenen liegen. Die Gegenwart jedoch ist das Reich des Lebens, der Geburt, der Entfaltung und des Zerfalls. Vergangenheit ist die Summe unserer Erinnerungen der gelebten, oder geträumten Gegenwart. Zukunft ist die Summe von Vorstellungen und Projektionen aus dem Lagerraum unserer Erfahrungen und Visionen. Vergangenheit wie Zukunft existieren nur dank unserer Fähigkeit zur Erinnerung und Projektion und sind frei in alle nur erdenklichen Richtungen veränderbar, manipulierbar und dekorierbar. Ohne gemeinsame Konsensbildung ist Geschichtsschreibung eine individuell beliebige Angelegenheit.

Das lebendige Mysterium des Lebens ist die Gegenwart. Das Vergehen der Zeit basiert auf dem Paradox der sich wandelnden Ewigkeit. Zeit und Raum ist ein für das menschliche Dasein notwendiges Phänomen, der sich hierfür wandelbar gestaltenden Ewigkeit.

Es gibt eine Pforte in der Gegenwart des kontinuierlich fließenden Zeitstromes, welche unmittelbar Ewigkeit offenbart. Wer diese Pforte betritt und pflegt erkennt die Wesensnatur seines, ja des Lebens selbst. Diese Pforte ist offensichtlich und für alle Menschen spielend leicht erkennbar. Doch wir haben dieser Pforte viele Namen gegeben und diese Namen mit einem riesigen Haufen von Bedeutungsmüll beladen.
Die meisten Menschen haben Angst vor dieser Pforte, da sie unsere Verdrängungs- und Kompensationsmuster aufzeigt und uns mit unseren Projektionsspielen konfrontiert. Doch dahinter liegt paradoxerweise all das was wir mit unseren Kompensationen so sehnsüchtig und vergeblich zu erreichen suchen.
Die Pforte der Zeit, welche Ewigkeit offenbart, ist immer jetzt und hier für alle Wesen unmittelbar anwesend, doch wenn wir uns nicht zu ihr hinwenden verschwindet sie für unsere Wahrnehmung im ununterbrochenen Fluss der Wandlung. Unser Bewusstsein verliert und verstrickt sich ohne Hinwendung in den unumstößlichen und unausweichlichen Gesetzen des Werdens und Vergehens, welche unbarmherzig und radikal in Wirkung treten.
Wenn wir uns jedoch zur Pforte hinwenden und diese mit viel Geduld und Entschlossenheit pflegen und nähren, so kann sich das Erleben unserer Ewigkeit verwurzeln und vertiefen. Dann sehen wir, dass die Zeit sich in der Ewigkeit formt und wandelt und die Ewigkeit in der Zeit ruht, da Zeit und Ewigkeit in ihrem Ursprung dasselbe sind. Wir können uns sodann den nun segenbringenden Eigenschaften der Wandlung und Verwandlung zuwenden, welche uns zur Selbst-Liebe und Selbst-Erfüllung führen.
Das Mysterium der Wandlung des Lebens zeigt uns, dass wir entweder im Gewahrsein der Präsenz immerwährender Ewigkeit unsere Lebens-Zeit erfahren und zur Verwirklichung nützen können, oder von der Vergänglichkeit hypnotisiert und in unseren Gedanken verloren, den unbeugsamen Gesetzen der Zeit, ohne Hoffnung auf entrinnen, ausgeliefert sind. Was für ein riesiger Kontrast und Unterschied zwischen diesen beiden Alternativen doch liegt. in diesem scheinbar so flüchtigen Phänomen der kontinuierlichen Gegenwärtigkeit, zwischen traumgewobener Vergangenheit und Zukunft, liegt der Schlüssel zum verloren geglaubten Paradies unseres göttlichen Ursprungs.
Wenn du die Verantwortung nicht übernimmst und diesen Augenblick und jetzt diesen Augenblick und wieder diesen Augenblick nicht zu einer Girlande aus goldenen Augenblicken für Dich machst, so wird dein Leben vielleicht hohl und ungelebt an dir vorbeiziehen. Denn niemand und nichts wird dies je für dich tun können.

In Liebe Saajid

April

Einsichten

Aus einem Briefwechsel:

Ich glaube ich schaffe es einfach nicht. Es scheint so, als sei ich unfähig meine Leidensstrukturen zu ändern. Obwohl ich es seit langem besser weiß lade ich mir immer wieder viel zu viel Arbeit auf und komme damit in Stress. Zudem verurteile ich mich immer wieder, dass ich nicht damit klar komme.

Situationen, welche uns ins Leiden führen beinhalten immer eine Faszination, eine Anziehung. Wir werden dadurch oft zu Wiederholungstäter unserer Schwierigkeiten. Dieser Zwang zur Wiederholung von Leidenssituationen nennen wir Anhaftung. Dies ist ganz natürlich. Anhaftung ist nicht etwas das wir vermeiden, sondern tiefer verstehen sollten, denn Anhaftung bedeutet, dass wir durch Wiederholung etwas für uns herausfinden wollen. Auf diese Weise werden wir durch die wiederholten Erfahrungen von komplexen Schwierigkeiten in unserem Leben reifer.
Wenn der Leidensdruck dann gross genug ist führt er uns meistens nach und nach aus der blockierten Situation heraus.
Natürlich sind es unsere Muster, welche uns in solche Situationen bringen.
Doch genau damit zeigen sie sich uns und wir können sie durch Einsicht und Entwöhnung so weit wie möglich korrigieren.
Es ist interessant zu beobachten wie Ängste und auch der Stress zu einem Tunnelblick führen. Beispielsweise kann ich mich nicht auf meine tiefen Erkenntnisse aus der Meditation stützen. Das Urvertrauen fühlt sich verschüttet an.

Ja, dies ist eine wichtige Erkenntnis. Die Verschüttung lässt sich nicht wegmeditieren. Auch neue und tiefere Einsichten erreichen keine Änderung hinsichtlich des Vertrauens. Vertrauen basiert auf vertrauensbildende Erfahrungen. Wenn das Urvertrauen durch angstbildende Erfahrungen verschüttet wurde so können wir dieses nur über neue Erfahrungen, welche unsere Glaubenssätze korrigieren, wieder herstellen. Das heisst wir müssen durch die Konfrontation und das Annehmen der eingelagerten Emotionen und Ängste hindurch wandern um eine neutrale emotionale Basis zu finden, welche vertrauensbildende Erfahrungen fördert. Diese Basis ist ja ursprünglich, das heisst natürlich, in unserem Wesen angelegt und wird daher irgendwann wieder in Erscheinung treten. Doch sie kann nur in Erscheinung treten, wenn wir unsere Kompensationsmuster unterbrechen.
Es gilt hier also Deine Ängste zu spüren ohne dass Du Dich dazu verleiten lässt aus diesen unangenehmen Emotionen heraus in die Aktivitäten und den Stress zu fallen, welche Du als Schutzwall in Deinem System eingerichtet hast.

Nehmen wir beispielsweise meinen spirituellen Weg, den ich seit 30 Jahren verfolge. Ich war immer davon überzeugt, dass der Antrieb dafür aus meinem Urgrund kommen würde. Nun bin ich jedoch nicht sicher, ob ich ihn vielleicht auch nur lapidar für einen egoistischen Zweck verfolgt habe, zum Beispiel für Leistungssteigerung oder was weiss ich was…

Der Antrieb Deines spirituellen Weges kommt aus Deinem Urgrund. Doch es ist nicht „Dein“ Antrieb. Denn der Antrieb Deines Wesensgrundes hat nichts mit den Überzeugungen Deiner derzeitigen Identifikation zu tun. Die Natur Deines Wesens möchte wieder seine abgespaltenen und identifizierten Wesensteile vereinen und nachhause führen. Dem Wesensgrund ist es egal was für Ideen und Motivationen Du bezüglich des Weges anführst, solange Du Dich in Richtung Ent-illusionierung und Ent-täuschung, das heisst solange Du Dich zur Wirklichkeit hin bewegst. Die Wirklichkeit ist liebevoll und liebend, heilend, erfüllend und sich selbst feiernd. Wir können all dies jedoch nicht „tun“. All dies erfasst unser Wesen sobald unsere „heile“ ursprüngliche Natur durchscheint.

Lediglich ein Punkt ist nicht tangiert, es ist die Liebe zu meiner Frau und zum Leben. Aber auch hier bringe ich es nicht fertig, mit Liebe auf meine eigenen Ängste und mein Unvermögen zu blicken.

Es ist dem Ego nicht möglich diese Wandlung zu vollbringen und dies hast Du sehr gut erkannt. Ja, diese Erkenntnis zur Unfähigkeit ist sogar ausserordentlich wertvoll, wenn Du auch noch erkennst, dass gerade diese Instanz, welche glaubt für die Wandlung verantwortlich zu sein sich selbst im Wege steht. Das heisst sie ist selbst der Grund für das Desaster und möchte nicht in ihren Spiegel schauen. Du kannst diese existenzielle Erlösung nicht vollbringen und es ist auch nicht Deine Aufgabe. Der Mensch denkt, Gott aber lenkt, wie es so schön heisst.
Unsere Emotionskörper benötigen die irdische Erfahrungs- und Schicksalsebene um Heilung zu erfahren. Diese eingelagerten Energien beharren hartnäckig auf Erlösung und sie können nur durch den Weg der Selbsterfüllung, das heisst durch das Wiederherstellen der Selbstliebe-Fähigkeit korrigiert werden.

Ich versuche langsam die Dinge zu verändern und als Zeuge ohne Wertung mit dabei zu sein.¨

Sehr gut. Dies ist die richtige Haltung. Sei Dir jedoch bewusst, dass nicht „Du“ es bist, der die Dinge verändert. Deine Haltung, Deine Hinwendung und Dein Gewahrsein erschaffen die richtigen Voraussetzungen, dass Heilung geschehen kann. Heilung geschieht, wenn wir uns selbst aus dem Wege gehen, denn Heilung ist in der Existenz natürlich angelegt. Nachhause finden heisst heil werden.

In Liebe Saajid

März

Täuschung und Ent-täuschung

Lieber Saajid, heute Morgen beim Aufwachen war da die absolute Gewissheit, dass diese Welt, ja sogar dieses Leben, so wie wir es erfahren, nicht wirklich existiert. Es war nur ein klitzekleiner Moment, ein Aufblitzen, und doch eindeutig und klar in dieser Gewissheit: Keine Existenz! Nachdem ich dann aufgestanden, durch die Wohnung ins Bad gelaufen bin und dir diese Mail schreibe, scheint diese Erkenntnis natürlich verrückt und widersinnig. Ist es eine Täuschung? Ist es wahr? Was sagst du dazu?

Ja, Deine Wahrnehmung ist wahr, aber die Interpretation davon ist eine Täuschung. Wenn wir Existenz oder Nichtexistenz meinen, dann beziehen wir ja dies auf unser momentanes Erleben. Wenn wir keine Existenz sehen, dann beziehen wir das Wahrgenommene auf die Existenz, so wie wir sie üblicherweise sehen. Doch so wie wir die Existenz in unserem Menschsein erfahren ist sie nur für die kurze Zeit unseres Menschenlebens und dieses ist so flüchtig wie die Filme auf einer Leinwand im Kino.
Ja, es ist gut zu sehen, dass sich die Wirklichkeit außerhalb der Leinwand anders präsentiert. Es ist ja nicht so, dass das Geschehen auf der Leinwand unwirklich ist, sondern dass ihre Existenz aus der tieferen Quelle steigt und sich auf der Leinwand verschleiert darstellt. Die Geschichten und ihr Umfeld sind „bedingt“. Das heißt, sie sind nur durch die Gesetze der Dinghaftigkeit so wie wir sie sehen wahrnehmbar.

Wäre es dann richtiger zu sagen, dass die dunkle Quelle die wahre und einzige Existenz ist?

Diese Aussage ginge einen Schritt zu weit und ist auch wieder eine Interpretation. Wahre und einzige Existenz, sind keine Wörter welche ich gerne gebrauche. Was wir sagen können ist, dass dies unsere tiefere Natur ist, wobei sich drei wesentliche Aspekte offenbaren sollten, damit wir auch vom Selben reden. Tiefe, Stille, Weite und reines Gewahrsein, sowie Glückseligkeit.

Ungeboren und nie ein Objekt der Wahrnehmung sein kann? Der Urgrund allen Seins?
Ja, aber nur auf unsere derzeitige menschliche Existenz, sowie auf unseren Wortschatz bezogen.
Und alles, was aus der dunklen Quelle hervorzugehen scheint (Sein und Nicht-Sein) letztlich wie der Mond ist, der sich im Wasser spiegelt?
Ja, aber ich würde die Quelle nicht als dunkel bezeichnen, sondern ohne Bezeichnung belassen.

Also alle Erscheinungen Objekte der Wahrnehmung sind und damit vorübergehender und vergänglicher Natur?
Ja.
Letztlich unwirklich, weil sie keine eigene Existenz aus sich heraus besitzen?

Wirklich im Sinne von materiell manifestiert, wie die Figuren auf der Theaterbühne. Unwirklich wie die Geschichte welche die Figuren darstellen.

Ja, irgendwie will es mein Verstand festmachen, es greifen, es in Besitz nehmen. Will sagen, "Das ist es" und "das ist es nicht". Das geht natürlich nicht. Dieses Verstehen mit dem Intellekt ist immer begrenzt und verfälscht die Dinge wie sie sind. Ich bin es ja Selbst in Allem und als Das was ist.
Vielleicht passiert das deshalb, weil es scheinbar wieder "verloren" ging, diese Qualität von purer Seligkeit und Lebendigkeit in Allem. Oder anders ausgedrückt, das "Ich" wieder zurückgekommen ist. Oder der Verstand gewinnt einfach wieder an Sogkraft. Ich habe wirklich keinen blassen Schimmer, ob das so ist oder nicht. Einfach, weil ich keinen Unterschied mehr sehe zwischen '"vorher" und "nachher", zwischen Schein und Wirklichkeit. Es ist identisch mit sich Selbst. Hier haben sich Vergangenheit und Zukunft als Erfahrung verabschiedet. Da ist einfach Gegenwärtigkeit. Nur der Verstand ist unruhig. Gedanken erscheinen aus dem Nichts, und ich habe das Gefühl stärker denn je. Ich weiß, ich bin nicht diese Gedanken, es sind nicht mal "meine", bin aber auch nicht getrennt davon, sie sind wie Sternschnuppen die in der Unendlichkeit auftauchen und verschwinden. Aber manchmal, bei bestimmten Ereignissen werden damit verbundene Muster/Konditionierungen getriggert, die dann ins Bewusstsein aufsteigen. Das kann dann heftig werden für den Moment und es erscheint Verwirrung. Die Verwirrung löst sich meist unmittelbar wieder auf, weil plötzlich wie von selbst die Stille und der leere Raum sich zeigen, wie ein Umschalten. Sie kann sich aber unter Umständen auch länger halten bis sie sich auflöst.
Mit ca. 17 hatte ich eine Todeserfahrung, in dem sich das GANZE in einer inneren Schau offenbarte.
2007 war ein Erwachen, ein Satori. Vielleicht war es auch "nur" eine Einsicht, eine Öffnung in den Wesensgrund, der sich auftat. Keine Ahnung. Ich nannte es damals Reines Bewusstsein. Die Welt und ich verschwanden vollständig und es offenbarte sich das was du Tiefe, Stille, Weite, reines Gewahrsein nennst. Es war leer in sich und doch vollständig, still, unberührt, ohne Anfang und Ende, grenzenlos, frei. Einfach unbeschreiblich und auch unbeschreibbar.

Die Glückseligkeit (reine Freude, reine Liebe) offenbarte sich unmittelbar und dauerte ca. ein dreiviertel Jahr an, bis auch sie verblasste. Ich lief durch die Welt mit einer Seinsqualität völliger Leichtigkeit, Heiterkeit und purer Freude. Das ganze Universum war davon erfüllt, die unbedingte Liebe alldurchdringend. Alles ungeteilt. Strahlendes Gewahrsein, offener Raum, identisch mit ALLEM, und doch gänzlich unberührt davon. Letztlich ging auch dieses Erleben von Glückseligkeit wieder.

Was blieb? Im Grunde, das was jetzt hier ist und so wie es ist. GANZHEIT. Es führt nirgendwo hin, es ist in sich satt. Identifikation mit dem Verstand, Begrenztheit und Enge scheinen die Stille und Weite auch zeitweilig wieder zu überdecken und in den Hintergrund zu drängen. Doch es bricht auch immer wieder durch als ein Überwältigt- und Durchdrungen-Sein vom Göttlichen; als unendliche Dankbarkeit, als innere Liebkosung. Pure Freude, die kein Gegenteil kennt. Und immer wieder neu tiefes Berührtsein vom Leben selbst. Darin geht das kleine "ich" unter, wird absorbiert. Trotzdem ist da eine unterschwellige Angst, es endgültig zu verlieren, zu vergessen und wieder "einzuschlafen".

Es ist Hier und hier will es auch gelebt werden, in allem, so wie es sich zeigt. Das ist immer wieder eine Herausforderung.

Unser Wesensgrund umfasst das Menschsein in seiner ganzen Bandbreite, wie ein Regenbogen der Himmel und Erde berührt. Ja, dazu braucht es Hingabe, Bereitschaft und Mut, mit sich selbst zu sein, ohne etwas auszuschließen. Die unbedingte Intimität mit allem zu sein, was auftaucht. In diesem Feuer der Unmittelbarkeit zu verweilen, so wie ich bin, bleibt eine Herausforderung. Erwachen ist wirklich erst der Anfang.

Du hast das sehr präzise, mutig und ehrlich geschrieben. Das ist weit entfernt von allen schwärmerischen Paradiesphantasien.

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Dein Körper bewegt sich in der Welt,
aber die Welt bewegt sich in Deinem Gewahrsein.

Suche nicht nach Erlösung,
weder diesseits noch jenseits dieser Welt.

Erlöse stattdessen die Welt mit ihrem Diesseits und Jenseits
in Deinem Gewahrsein.

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In Liebe Saajid

Februar

Lebe die Welt als das was Du bist

„Ich würde gerne irgendetwas anbieten, um Dir zu helfen, aber im Zen haben wir überhaupt nichts.“
Zen-Meister Ikkyū Sōjun

Dieser Ausspruch Ikkyu’s ist auf vielerlei Weise schockierend. Er ist nackt, roh, kompromisslos und tiefgründig. Auf den ersten Blick scheint es als meine er damit, dass Zen keine Hilfe anbieten könne, dass es im Zen keine Hilfe gäbe, oder dass Zen keine Methoden kenne. Doch dies ist nicht so. Zen bietet auf vielerlei Art umfassende Unterstützung und nützliche Hinweise. Auf was also weisst hier Ikkyu? In seinem grossen Mitgefühl schert er sich nicht um Missverständnisse und Erklärungen. Er weisst einfach und direkt auf die für unseren Intellekt so verstörende Tatsache, dass es im Zen um „nichts“ geht. Dies ist wörtlich und explizit gemeint. Es geht hier auch nicht um das Nichts, oder die Leere, wie so oft falsch verstanden wird. Denn die Leere oder das Nichts gibt es auf diese Weise nicht, wie gar viele Menschen gerne glauben. Die Leere, oder das Nichts ist nicht das Gegenteil von Materie und auch nicht irgendetwas Mysteriöses, denn sonst wäre es ja auch wieder bedingt, also ein Ding. So etwas wie eine Leere oder Stille im Gegensatz zur Fülle, Gegenstand und Geräusch ist hier nicht gemeint. Die Leere, oder das Nichts ist ein Hinweis und steht im korrekten Fall als Synonym für das Unbenennbare und Unfassbare unseres Wesensgrundes. Die Stille, die Leere und das Nichts weisen auf die tiefere Wirklichkeit unserer Existenz, welche alle Gegensätze umfasst.

Im Zen geht es um nichts und Zen hat überhaupt nichts.
Sobald wir etwas haben, egal was, sind wir an diesen Besitz gebunden. Dieses „Haben“ bezieht sich auf unseren Besitz im weitesten Sinne, also neben materiellem Besitz auch alle körperliche, geistige, psychische, emotionale und seelische Bereiche unserer Existenz. All unsere Forderungen nach Mein und Dein, alles was wir gerne haben und vermeiden wollen, sowie all unsere Wünsche, Hoffnungen und Ziele, sind Ausdruck von Besitzansprüchen. Dieser Ausspruch Ikkyu’s führt uns sehr drastisch vor Augen, dass unsere tiefere Existenz „nichts“ mit all dem zu tun hat, mit dem wir uns hauptsächlich in unserem Leben beschäftigen und beschäftigt halten; egal wie wertvoll, sinnvoll, erhaben etc. unsere Ziele auch sein mögen.
Zen sagt jedoch nicht lasse all das sein und mache dies oder das, sondern lebe die Welt, als das was Du bist. Die Welt erscheint in diesem Gewahrsein und als dieses Gewahrsein, welches sich üblicherweise als Ich und die Welt da draussen identifiziert.

In diesem ursprünglichen Zen geht es auch nicht darum etwas zu kultivieren, schwarze Roben anzuziehen, die immer gleichen Sutren zu rezitieren, sowie uralte, etablierte Rituale durchzuführen. Dieses etablierte Verhalten ist im ursprünglichen Zen bedeutungslos; vielleicht ganz hilfreich in vielerlei Hinsicht, aber bedeutungslos.
Im Zen geht es um nichts und Zen hat nichts. Diese Ursprünglichkeit ist nicht zu erreichen, weil wir „es“ sind und dies erkennen sobald wir nichts hinzufügen. Unserem Hiersein nichts hinzuzufügen und dieses Leben in seiner ursprünglichen Natürlichkeit zu leben scheint uns das Schwierigste überhaupt zu sein; noch schlimmer, es scheint uns gar unnütz zu sein.
Wenn wir Ikkyu’s Worte in Erwägung ziehen, so kann unser Leben eine neue selbstbestimmte und verantwortungsbewusste Richtung nehmen. Wir können dadurch eine erwachsene Spiritualität leben, welche nicht aus Angst vor den Geburtsschmerzen des emotionalen Erwachens in Erleuchtungsphantasien flüchtet.
Erleuchtung hat mit Verwirklichung und Erlösung zu tun und ist kein Zustand, oder gar ein Zustand den irgendjemand erreichen könnte.
Statt Erleuchtungsphantasien benötigen wir einen stillen Geist, der sich nicht unablässig mit all den unzähligen Formen von „Haben“ beschäftigt. Dieser Geist ist von Natur aus still, wie ein alter Bergteich in dem sich der Vollmond spiegelt. Meditation, Dhyana, Vipassana und Zazen sind verschiedene Worte der gleichen Medizin, durch welche unsere inneren Augen wieder sehend werden.

In Liebe
Saajid

Januar

Geburt und Tod

Die Schwierigkeit mit uns Menschen ist jene, dass wir alles was wir im Leben vorfinden stets auseinandernehmen und getrennt untersuchen. Wir suchen in den einzelnen Teilen den Sinn des Ganzen und übersehen die Offensichtlichkeit der zur Grunde liegenden Einheit. Wir nennen die uns gegensätzlich erscheinenden Aspekte desselben Seins „Dualität“ und verlieren uns auf der einen oder anderen Seite der unterschiedlichen Erscheinungen. Wir leiden sodann an unseren Konflikten mit den Gegensätzen und versuchen die unangenehmen Aspekte loszuwerden und die angenehmen zu vermehren. Wir wundern uns jedoch, dass dabei alles aus dem Gleichgewicht gerät, schaffen uns Feindbilder und Idole, klammern uns an alles was wir „Mein“ nennen und distanzieren uns von allem was die Isolierung unserer eingebildeten Ich-Ideen bedroht.

Wir reduzieren uns vielleicht auf unseren Körper und glauben mit der Geburt ins Leben zu treten und mit dem Tod zu enden. Vielleicht reduzieren wir uns aber auch auf unsere Seele und vernachlässigen unseren Körper und alles Materielle. Doch wann und wo genau beginnt das, was wir Geburt nennen und wann und wo genau endet das was wir Tod nennen?
Wir reden von geboren werden und sterben, ordnen das eine dem Leben zu und das andere dem Tod. Doch das Leben trägt Geburt und Tod als ein untrennbares Phänomen in den Lebensfluss und ermöglicht dadurch das Gesetz der steten Wandlung. Wenn wir Geburt und Tod als Lebensprinzip tiefer betrachten, so scheint es uns als würde jeder Augenblick aus dem letzten Augenblick heraus-geboren und jeder Augenblick in den nächsten Augenblick hinein-sterben. Doch dies ist nur scheinbar so, denn das was wir als unsere Vergangenheit und als unsere Erfahrungen betrachten ist in Wirklichkeit nur eine Fähigkeit unseres Gehirns die Gedankenbilder, welche wir Erinnerungen nennen, zu speichern und abzurufen.
Es gibt existenziell gesehen keinen „nächsten“ Augenblick, da es keinen „letzten“ Augenblick gegeben hat. Es gibt auch nicht „diesen“ Augenblick, da er weder gekommen ist noch je vergeht. Wir befinden uns immer in zeitloser Anwesenheit. Es ist wie im Kino zu sitzen und einen Film zu schauen. Obschon wir emotional mit der Handlung im Film engagiert sind, so verlassen wir doch nicht den Kinositzplatz unserer tieferen Realität. Wir scheinen dies während der Vorstellung irgendwie zu wissen und doch erinnern wir uns, während der Film läuft, selten bis überhaupt nie daran.
Unser Zuhause ist unser ursprüngliches Wesen, aus der die Erscheinungswelt steigt; also vor jeder Bewegung, vor jeder Gestaltung, vor jeder Zeiterscheinung. Einerseits sollten wir uns in diesem Zuhause verwurzeln um nicht in den gewaltigen dualen Kräften und Gesetzen der Erscheinungswelt, die sich aus unseren gebundenen Trennungsgedanken formen, verloren zu gehen, andererseits sollten wir jedoch auch die körperliche Erscheinungsebene integrieren und vollumfänglich erleben, spüren und durchdringen.

Die meisten Menschen glauben, dass es nach dem Tod irgendwie weiter gehen wird, oder dass wir dann nicht mehr existieren werden. Bei beiden Ideen nehmen wir wie selbstverständlich an, dass unsere Erscheinungswelt die grundlegende Existenzebene unseres Wesens sei, von wo aus wir dann entweder enden oder irgendwohin gehen werden. Doch wir vergessen dabei, dass unser irdisches, zeitlich bedingtes Leben dem ewig Ungeschaffenen entspringt.
Unser natürliches Wesen hat also eine raum- und zeitunabhängige Existenz.
Um etwas beenden, oder weiterführen zu können, benötigt es Zeit und Raum. Der sogenannte Tod als Übergang löscht beides. Er löscht nicht uns aus, wie wir oftmals so sehr befürchten, sondern unseren irdischen Raum-Zeit-Traum.
Raum-Zeit ist eine Möglichkeit wie sich Gewahrsein in seiner Anwesenheit selbst erleben kann.
Dieses irdische Erleben ist so sehr notwendig und so immens wertvoll für uns um die abgespaltenen und fixierten Gestaltungskräfte unseres Bewusstseins ganz körperlich und materiell zu erfahren und schlussendlich zu erlösen.

In Liebe Saajid