2014

Dezember

Zur Wirklichkeit unseres Daseins

Unsere Persönlichkeit scheint uns „alles“ zu sein, obschon sie doch „nichts“ ist.
Unser ursprüngliches Wesen scheint uns „nichts“ zu sein, obschon sie doch „alles“ ist.
Darum halten wir Menschen so sehr an unserer Persönlichkeit fest, da sie uns doch als Alles erscheint und darum fürchten wir unser ursprüngliches Wesen so sehr, weil es uns so leer und abgründig erscheint - als Nichts.

Solange wir nicht unsere Wesensnatur erkannt haben, funktionieren wir innerhalb unserer Ichvorstellung und wir bilden uns ein, dass es unser Lebenszentrum sei. Diese Ichidee hat die Angewohnheit, dass sie alle Erlebnisse auf sich selbst bezieht. Alles uns Erscheinende, alles uns Konfrontierende wird automatisch und unmittelbar durch unsere Vorstellung von Ich vereinnahmt. Dieses Zentrum ist ein eingebildetes, wurzelloses, manipulierbares Phänomen, mit grosser Anpassungsfähigkeit und der Fähigkeit sich in Unter- sowie Überichs aufzuspalten. Es hat keine eigene Existenz und bezieht seine Energie aus unserer Einbildungskraft, Vorstellungen und Glaubenssätzen, was es äusserst flexibel macht.
Dieses eingebildete und mit sich selbst identifizierte Beziehungssystem weißt uns den Weg ins Leiden. Die Tendenz der Ichvorstellung alles auf sich selbst zu beziehen führt zu tieferen Verstrickungen und Identifikationen.
Hingabe und Demut an den göttlichen Urgrund kann nicht erzwungen oder erreicht werden. Hingabe und Demut geschehen aus Einsicht. Auch Einsicht kann nicht manipuliert werden, denn auch Einsicht geschieht aus Gnade. Der Nährboden auf dem Einsicht gedeiht, besteht aus dem Feuer des Sehnens nach Wahrheit, nach Wirklichkeit, egal was für ein Preis von uns verlangt wird. Und dieser Preis ist schrecklich hoch, nicht weniger als die Identifikation mit dem Ego selbst wird von uns gefordert. Doch das Ego ist alles was wir haben und alles was wir glauben, das wir sind. Also versuchen wir uns zu winden und uns davor zu drücken. Das Ego gibt uns dann eine seiner beliebten Ich-Verbesserungs-Aufgaben, damit wir beschäftigt sind. Unsere Wertvorstellungen, Glaubenssätze und Identifikationen bleiben jedoch so erhalten, auch wenn wir an ihnen herumbasteln. Diese Haltung ist dem Möbelschieben und Umräumen in einem Wohnzimmer vergleichbar. Unsere Wohnsituation wird dadurch stets einwenig aufgepeppt, aber nicht wirklich radikal verändert. So begeben wir uns weiter auf die Jagd nach Glück, Annehmlichkeiten und Vorteile innerhalb dieser Erscheinungswelt. Wir werden weiterhin versuchen vermeintliches Unglück und Unannehmlichkeiten mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu vermeiden. Wir werden weiterhin durch Vorstellungen, Interpretationen und Glaubenssätze unser Erleben aufs gröbste verzerren und Leiden anhäufen. Den Ichvorstellungen ist es nicht anders möglich, als ihren Wert von äusseren Umständen, Ereignissen und Meinungen abhängig zu machen. Sie bauen dadurch ein Wertesystem auf, welches uns kontinuierlich verhindert im unmittelbaren Erleben der Wirklichkeit zu verweilen. Wir bleiben also in der Dynamik dieses eingebildeten Egos gefangen, das sich auf so kreative und raffinierte Weise in viele, den Umständen angepasste Unter- und Über-Ichs abspalten kann.
Diese Ich-Überzeugungen setzten uns mit schier unendlichem Einfallsreichtum und mit immenser Überzeugungskraft, stets in Bewegung irgendetwas erreichen zu müssen, egal was. Sie blenden uns die so offensichtliche Tatsache, dass wir in ein paar Jahrzehnten alles wieder abzugeben haben, einfach radikal aus. Falls es gerade nichts zu erreichen gibt, halten sie uns mit der Idee beschäftigt uns zu verändern. Seiner illusorischen Natur entsprechend ist das Ego gezwungen uns unaufhörlich den Wahn vorzugaukeln, dass unser einfaches Menschsein, unser einfaches Hiersein, unbefriedigend und ungenügend sei. Es gaukelt uns vor, dass so etwas wie eine Buddhanatur, nur ausnahmsweise und ganz wenigen Menschen vorenthalten sei, falls es überhaupt je zu diesem Thema kommt. Doch das Erwachen zu unserer Wesensnatur, oder Buddhanatur, ist unser aller Geburtsrecht. Wesensnatur ist weder Versteckt noch ein Geheimnis. Es ist offensichtlich und mühelos. Doch die Ablenkungsstrategien unserer Ichidentifikationen sind gewaltig und raffiniert.

Wenn wir unsere Wesensnatur erkennen, wenn wir in die Wirklichkeit unseres Hierseins eingebrochen sind, eröffnet sich uns dadurch eine radikal neue Perspektive und eine vollkommen andere Ausgangslage, so wir bereit dazu sind diese auch als solche zu beherzigen und nicht dem Irrtum des Angekommen-seins verfallen.
Mit dieser neuen Ausgangslage besteht für uns die Möglichkeit fortan aus unserem tatsächlichen, realen Lebenszentrum, das heisst aus unserem wahren Wesen zu leben und nach und nach die leidensbildende Kräfte zu durchschauen und zu ihrem Ursprung zurückzuführen. Dies tönt sehr einfach ist jedoch für die meisten erwachten Menschen ein sehr langer Prozess wiederkehrender, mitunter sehr heftiger Auseinandersetzungen mit vielen hartnäckigen, alten Tendenzen und Strukturen, welche hauptsächlich im Unterbewusstsein unserer Psyche verwurzelt sind.

Dieser Rückführungsprozess geschieht durch Hinwendung an unseren Wesensgrund, welcher sich oft als sogenannte „lebendige Stille“ auch schon vor dem eigentlichen Erwachen offenbart, uns jedoch meistens erst mit dem Erwachen beheimatet.
Durch Innehalten und Hinwendung an unser einfaches „Hier-sein“, wird unser Gewahrsein auf sich selbst zurückgeworfen. Dies ist der wahre Sinn von Meditation und nicht das Erreichen eines spirituellen Zieles.

Heilige, Gurus, Mystiker?
Ja, auch so offenbart sich Gott,
doch nur ausnahmsweise,
denn das Göttliche hat es nicht nötig aussergewöhnlich zu sein!


In Liebe
Saajid


November

Das Leben atmet uns

Werden einst klare Aussagen ehrwürdiger Mystiker öfters ungenau interpretiert und ausgebreitet, so verlieren sie mehr und mehr an Aussagekraft.
Immer wieder stossen wir in unserer Zeit der Kommunikationshast und des spirituellen Marketings auf Habwahrheiten und Missverständnisse in den Definitionen. Dies erschwert uns klare Botschaften aufzufinden und als solche zu erkennen. Worte sind dehnbar, sie kümmern sich nicht um ihren eigenen Inhalt und auch nicht um die Kompetenz ihrer Benützer.

Wir hören zur Zeit vielleicht oftmals, dass es „Ich“ (mich) nicht gibt; dass unsere Individualität nur Illusion sei; dass dieses Ich das Übel, die Verblendung, der Grund von Identifikation und Leiden sei, dass du erkennen solltest, dass es „dich“ nicht wirklich gibt und vieles mehr. Diese und ähnliche Aussagen sind alle wahr und auch nicht wirklich wahr.
Nun, nicht von ungefähr reden mehrere spirituelle Traditionen von zwei verschiedenen Arten von Ichs. Das kleine Ich (ich) und das grosse Ich (Ich), oder von Ich und das Selbst, von Ich und der Seele usw. Die Persönlichkeit als individuelles Konzept und Gedankenkonstrukt zu durchschauen ist sicherlich hilfreich, die Persönlichkeit jedoch mit der Individualität, der Seele, dem Wesen, oder dem Selbst gleichzustellen, alles undifferenziert miteinander zu vermischen, verwechseln und als illusorisch, als nichtexistent zu bezeichnen, ist jedoch schlicht inkompetent und zeugt von einer rein spekulativen und intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Thema; es erzeugt Angst und Verwirrung.
Sicherlich ist es notwendig die Tyrannei unseres alles auf sich selbst beziehenden Identifikationssystems zu brechen, dies geschieht jedoch nicht durch Verleugnung oder Egozertrümmerung, sondern durch klare Erkenntnis und Unterscheidung, einer umfassenden Auseinandersetzung mit unserer Psyche und ihrem emotionalen System, sowie mit unserem ganzen, so unglaublich vielschichtigen Wesen.
Die Voraussetzung dafür ist zuerst einmal das Ankommen bei sich selbst. „Hier bin Ich!“ Denn im Leben wirklich anwesend zu sein ist nun mal die Grundlage von Meditation als solches.

Wir erinnern uns vielleicht an eine tiefsinnige altjüdische biblische Erzählung von
Mose als Asylant in Midian, die Kleinviehherde seines Schwiegervaters hütend:
„Eines Tages trieb er das Vieh über die Steppe hinaus und kam zum Gottesberg Choreb. Dort erschien ihm der Engel des Herrn in einer Flamme, die aus einem Dornbusch emporschlug. Er schaute hin. Da brannte der Dornbusch und verbrannte doch nicht.“ Eine Stimme aus der Lohe der Flamme ruft ihn bei seinem Namen: „Mose, Mose!“ Er antwortet: „Hier bin Ich!“ Er soll seine Schuhe ausziehen, denn der Ort, wo er steht sei heiliger Boden. Er soll nicht zu nahe heran kommen um nicht verbrannt zu werden. Es sei der Gott seiner Väter, der mit ihm spricht. Er erhält den Auftrag zum Pharao zu gehen und seine Stammesmitglieder aus Ägypten herauszuführen. Mose fragt Gott nach seinem Namen. Er fürchtet sich sehr, denn er muss sich vor den Israeliten legitimieren. Man muss sich die Situation von Mose mal vorstellen. Moses Status ist Asylant und seine Stammesmitglieder sind alles Sklaven des Pharao! Mose soll nicht nur sein Volk überzeugen sich als Sklaven zu erheben und das Land zu verlassen, sondern auch einfach mal hingehen und den Pharao bitten seine Sklaven ziehen zu lassen! Natürlich werden alle fragen: „Welcher Gott? Wie heisst er denn, der dir diesen Auftrag gibt?!“ Gott antwortet ihm:“Ich werde dasein, als wer ich dasein werde“.

Moderner ausgedrückt: „Ich werde als dieses „Sein“, diese Präsenz, anwesend sein.“ Ohne die Anwesenheit dieser „Seins“ hätte Moses sein Volk (sein Volk steht hier vielleicht für seine verstrickten, identifizierten und abgespaltenen Wesensanteile) nicht aus Ägypten (aus der Tyrannei) hinaus führen können. Auch die wunderbarsten und überzeugendsten Worte hätten dies nicht vollbracht.

Was wir „Ich“ nennen,
ist nur eine Schwingtür,
die sich bewegt,
wenn wir einatmen
und ausatmen

Shunryu Suzuki

Das, welches ein und ausatmet ist das Leben selbst. Das Leben atmet uns. Es ist das Eine, das durch die Schwingtüre pendelt und als „Ich bin hier, als der ich hier bin!“ gerade jetzt „hier bin Ich!“ ruft.

In Liebe Saajid


Oktober

Ehrlichkeit

„Was höchste vollkommene Weisheit genannt wird beinhaltet, dass wirklich nicht das Geringste vorhanden ist, das erlangt werden kann. Wenn du dies zu verstehen vermagst, wirst du erkennen, dass der Weg der Buddhas und der Weg der Teufel gleichermassen weit vom Ziel entfernt sind. Das ursprüngliche, reine, strahlende Weltall ist weder viereckig noch rund, weder gross noch klein. Es ist ohne solche Unterscheidung wie lang und kurz, ist jenseits von Bindung und Bewegung, von Unwissenheit und Erleuchtung. Du musst ganz klar sehen, dass es wirklich gar nichts gibt – keine Menschen, keine Buddhas. Die grossen kosmischen Systeme, zahllos wie der Sand, sie alle sind nur wie Luftblasen. Alle Weisheit und alle Heiligkeit sind nur wie ein Blitzstrahl. Sie alle haben nicht die Wirklichkeit des Geistes. Der Dharmakaya, von alters her bis zum heutigen Tag und die Buddhas und Patriarchen sind alle Eins. Wie kann ihm auch nur ein einziges Haar von irgendetwas fehlen? Selbst wenn du dies verstehst bedarf es noch mühevoller Anstrengungen. Du kannst dein Leben lang nicht sicher sein, ob du noch lange genug lebst um noch einen weiteren Atemzug zu tun.“
Huang Po (ca.9.Jahrhundert)

Es gibt nichts zu erreichen und doch ist grosse Entschlossenheit und Hinwendung von Nöten. Jeder tiefen Weisheit liegt dieses lebendige Paradox zugrunde. In unserer Zeit wird nur allzu leicht mit langen und breiten Diskussionen die Wahrheit erörtert. Doch begriffliches Denken ist nicht viel mehr als ein sehr unterhaltsames Spiel mit der Logik unserer Eitelkeiten. Begriffliches Denken führt uns leicht auf das Glatteis von richtig und falsch, von Rechthaberei, Besserwisserei und scheinbarem Wissen.

Wei Ming gelangte zu einem schweigenden Begreifen. Er verneigte sich bis zur Erde und sprach: „Ich bin wie ein Mensch, der Wasser trinkt und in sich selbst erfährt, dass es kalt ist. Dreissig Jahre habe ich bei dem fünften Patriarchen und seinen Schülern gelebt, aber erst heute bin ich fähig die Fehler meines früheren Denkens zu verbannen.“ Der sechste Patriarch antwortete: „Genau das. Nun verstehst du endlich, warum der erste Patriarch, als er aus Indien kam, unmittelbar auf den Geist der Menschen deutete, durch den sie ihr wahres Wesen erfassen und zu Buddhas werden konnten - und warum er niemals etwas anderes sagte!“
Zitat aus den Lehren des Huang Po

Noch ein paar Worte eines Zenmeisters unserer Zeit, während er sich selbst in einem Spiegel betrachtete:
„Kelly sah ein Mann-Kind aus dem Spiegel schauend, ein Mann-Kind das vorgab ein erleuchtetes Wesen zu sein und zum ersten Mal fühlte er das volle Gewicht seiner Heuchelei und Arroganz. Er war Denis Kelly der Rebell und er würde sich nie einem Meister beugen, sich nie einem Menschen hingeben. Er suchte Lehren, nicht Lehrer, denn er glaubte Lehrer seien zu mangelhaft. Was für ein Pferdemist. Er war der Mangelhafte, seine eigenen Schwächen auf diese weitaus standhafteren und weiseren Menschen als er selbst projizierend. Fünfundvierzig Jahre hatte er sich verweigert sich hinzugeben und fünfundvierzig Jahre lang hat er seinem Narzissmus erlaubt sein Leben zu bestimmen. Er wusste, dass philosophisch gesehen alles in Perfektion geschah, praktisch gesehen stellte sich dies jedoch einfach als Kuhmist heraus. Obschon er sich in seinem Geist in diesem Moment in diese Perfektion begeben konnte, so spielte es doch keine Rolle. Die Menschen welche durch ihn und andere Menschen Leid erfuhren wussten nichts von dieser Einsicht der Perfektion, kannten nur dieses reale Leiden in dem sie verstrickt waren. Ob dies nun im absoluten Sinne real war oder nicht, Tatsache war, dass da Kuhmist an seiner Verantwortung vorbeizog. Das Absolute offerierte ihm keinen Trost, als er erkannte, dass durch seine ignoranten Handlungen wirkliche Menschen verletzt wurden. Er musste einsehen, dass seine spirituellen Einsichten nicht stabil waren und seine Transformation weit davon entfernt war komplett zu sein.
Zitat aus „a heart blown open“

Im absoluten Sinne geschieht alles in Perfektion. Dies ist unsere Buddhanatur.
Im relativen Sinne steht jedoch so unerhört vieles in Argem und Leiden scheint unausweichlich zu sein. Dies ist unser Menschwerdungsprozess. Wir sind Buddhas in der Menschwerdung.
Es geht viel weniger darum „wo“ wir nun tatsächlich stehen in unserem Entfaltungsprozess, als wirklich ehrlich damit zu sein.

Wahrheit breitet keine Wahrheiten aus,
sie ruft nicht nach Wahrheitslehrern, sie ruft nur dich!
Wahrheit stellt keine Forderungen.
Sie benötigt nichts weiter von dir als deine Ehrlichkeit.

Einfach profunde, segensreiche, überfliessende Stille.

In LiebeSaajid


September

Papierene Worte

Stell dir eine Schulklasse vor. Der Lehrer und die Schüler sind gerade mitten im Unterricht. Da platzt plötzlich jemand zur Türe rein und ruft in den Raum: „Hey was macht ihr denn da? Geht nach Hause. Unterricht und Schulung ist unnötig mühsam und anstrengend. Ihr seid doch schon von jeher Menschen und vollkommen in eurem Wesen. Warum sich noch bemühen. Erkennt einfach wer ihr wirklich seid. Mehr ist nicht nötig. Wenn ihr erst diese Erkenntnis realisiert habt, so ist nichts weiter zu tun.“
Wären wir über eine solche Haltung nicht höchst erstaunt und würden wir den Rufer nicht in seine Schranken weisen?

Vielerorts wird heute Advaita und Satsang in dieser Art und Weise verstanden und unglücklicherweise auch gelehrt. Tugenden zu entwickeln und Charakterzüge zu verändern, sowie eine umfassende Transformation unserer Wesenseigenschaften zu bewirken scheinen zurzeit recht altmodisch und überholt zu sein. Viele Menschen stellen sich immer noch vor, dass mit dem Erwachen die Notwendigkeit zur Transformation und Vervollkommnung von uns abfallen würde, oder als Illusion erkannt werde und daher hinfällig sei. Wesentliches nur gerade intellektuell zu verstehen scheint höchste Prämisse zu sein und es kann oft nicht zwischen verdauter und unverdauter Weisheit unterschieden werden.
Dies ist nichts Neues, sondern war zu allen Zeiten so. Hier ein paar Zitate alter Zenmeister:

Mit denen, deren Forschen noch nicht in den Weg eingemündet ist, die aber ihre Gelehrsamkeit zur Schau stellen und deren Mund überquillt von bloss verstandesmässig Erfasstem, wenn sie mit Beredsamkeit und scharfer Zunge Siege erfechten, ist es wie mit zinnoberrot gestrichenen Aborthäusern – es verstärkt nur noch den Geruch.
Fushan Yuan

In den Zen-Gemeinschaften, wohin man sich auch wendet, treibt eine falsche Lehre ihr Unwesen, die besagt, dass Disziplin, Meditation und Erkenntnis unnötig seien und dass es unnötig sei, Tugenden heranzubilden und sich dem Begehren zu entledigen. Solche Rede gereicht nicht nur heutigen Zen-Gemeinschaften zum Schaden, sondern ist in Wirklichkeit eine Vergiftung der Lehre für zehntausend Zeitalter.
Gewöhnliche Menschen haben Vorlieben und Abneigungen, sie wünschen und hoffen, sind selbstsüchtig und unwissend, jeder ihrer Gedanken haftet an Dingen wie Blasen im Kochtopf. Wie kann man sie klären und kühlen? Vieles, worüber die alten Weisen sich Gedanken machen mussten, hatte eben damit zu tun. Und so richteten sie die drei Schulungsweisen der Disziplin, der Meditation und des Begreifens ein, damit die Menschen gewandelt und erneuert werden konnten.
Heutzutage achten jüngere Schüler die Gebote nicht mehr, sie wollen sich nicht mehr in Meditation üben, ihre Erkenntnis verfeinern, ihre Tugend entwickeln. Sie verlassen sich ganz auf Gelehrsamkeit und die Kraft des Intellekts, handeln dabei aber niedrig und gewöhnlich, so dass es unmöglich ist sie eines Besseren zu belehren.
Nur jene Menschen von hoher Gesinnung, die auf ihrem Weg den richtigen Voraussetzungen folgen, sich aufrichtig und gewissenhaft um Begreifen und Klärung der Frage von Leben und Tod bemühen, werden nicht in das Treiben dieser Leute hineingezogen.
Wanan (um ca. 1200)

Auch wenn wir in unserem Wesensgrunde schon immer vollkommen sind, so ist es dennoch unumgänglich, dass sich diese Vollkommenheit in unserem Menschwerdungsprozess entfaltet und verwirklicht. Dieses überaus intensive, reichhaltige und vielschichtige Erdenleben wurde mit unvorstellbar viel Energie und Hinwendung erschaffen um uns „berührbar“ zu machen und zur Wandlung zu verhelfen. Daher ist das Gesetz des menschlichen Lebens die stete Wandlung.
Die Art und Weise wie wir immer noch mit allem irdischen Leben umgehen ist milde ausgedrückt katastrophal. Diese Tatsache verschwindet nicht mit dem Erwachen einzelner und den Erwachens-Phantasien vieler Menschen.
Das Geschehen auf dieser Erde ist der exakte Spiegel unseres Bewusstsein-Zustandes.
Menschen, welche das Gefühl haben erwacht zu sein und dennoch den Wert dieses zur Transformation und Reifung so unermesslich wertvollen Erdenlebens missachten, indem sie Entwicklungsprozesse und Charakterschulung ignorieren, wenden sich gegen die für unsere Bewusstseinsentwicklung so kostbaren Wirkkräfte der Erscheinungswelt, welche uns nur hier und auf diese einzigartige Art und Weise, wie sie in dieser manifestierten Ebene zum Ausdruck gelangen, zur Verfügung gestellt werden können.

In Liebe
Saajid


August

Doppelmoral

Ein heikles und traditionell sehr belastetes Thema kreist um die Begriffe Schuld, Sünde, Unrecht, Verbrechen, sowie deren Vergeltung, Sühne und Vergebung. Wobei das Spektrum von alltäglichen Kollisionen mit Moral und Anstand, über unfassbar Erschreckendes, bis hin zu Völkermord reicht.
Unsere Religionen tun sich sehr schwer mit diesen Themen und sind diesbezüglich durch ihre oft dogmatischen Haltungen und einseitig selbstherrlichen Auslegungen über Jahrhunderte hinweg öfters unglaubwürdig geworden und in unserer sogenannt aufgeklärten Zeit weitgehend in Missgunst gefallen. Religionskriege und Feldzüge, sexuelle Missbräuche, Beschneidungen von jungen Frauen, Gewaltandrohungen und Anwendungen, sowie psychische Manipulationen unterschiedlichster Art und Weise sind auch heute noch aktuelle Themen in unserer nach wie vor von Religion und Glauben beherrschten Welt. Wobei alle fixierten Annahmen, in jedem Bereich unseres Lebens, jede strikte philosophische Haltung, ausschließlicher Atheismus, bis hin zu den vermeintlich wissenden Wissenschaften niemand und nichts wirklich von Glauben frei gesprochen werden kann.
Für einen spirituellen Menschen ist Sühne und Vergeltung kein geeignetes Werkzeug um das Leiden zu beenden. Vergebung scheint uns jedoch in vielerlei Hinsicht heilend und mit positiven Auswirkungen für alle Wesen anwendbar zu sein. Es ist daher nicht verwunderlich, dass immer wieder mal das Thema Vergebung in spirituellen Kreisen hohe Wellen schlägt. Vergebung ist für uns Menschen ein heilsamer und hilfreicher Weg um alte seelische Wunden und gärende, versteckte und verdrängte Konflikte zu bewältigen. Einverstanden.
Für eine erwachte Sichtweise stellt dieses gesamte Konzept von Reue, Wiedergutmachung und Vergebung jedoch nur eine Erste-Hilfe-Maßnahme dar, welche ohne tiefere Einsicht lediglich die Moralvorstellungen und Forderungen unserer Religionen und die Gesetze unserer Gesellschaft bedient. Gerade von beiden Institutionen wurde damit seit Menschen Gedenken immens viel Missbrauch betrieben. Vergeltung, Schuldgefühle, Sühne und Vergebung liegen schier untrennbar nahe beieinander und sind beliebte Macht- und Manipulations-Instrumente.
Vergebung ist eine sicherlich wichtige Maßnahme um seelische Heilung zu erfahren, jedoch berührt sie noch nicht die Wurzeln unserer Verblendung.
Wenn wir uns einen Baum mit vielen Ästen, Zweigen und Blätter vorstellen und uns weiter vorstellen, dass einzelne Blätter mit anderen Blättern desselben Baumes in das Thema von Schuld, Sühne und Vergebung geraten sind, so werden wir ganz natürlich den Kopf schütteln und ausrufen: „He, wacht auf! Ihr träumt ja! Ihr seid doch Blätter desselben Baumes und teilt gemeinsam denselben Stamm, der euch nährt und trägt!“
Sind Schuld und Vergebung nicht zwei Seiten derselben Münze, welche alle betroffenen Menschen mit einbezieht? Wenn wir davon ausgehen, dass alles was wir in dieser Welt tun schlussendlich uns selbst antun, wer vergibt dann hier wem? Gibt es denn so etwas wie der/die Andere/n wirklich? Sollten wir nicht eher erfahren lernen, dass was immer auf dieser Welt geschieht unser eigenes Geschehen ist, auch wenn sich das Leben vielfältig entfaltet? Tragen wir nicht mit dem Konzept der Vergebung automatisch auch die Idee der Trennung mit uns herum? Wenn wir glauben Anderen vergeben zu müssen, verhärten wir nicht gerade dadurch unsere Ideen welche wir von uns und von Anderen haben? Wenn wir glauben uns selbst vergeben zu müssen, nähren wir damit nicht auch die Idee, dass wir so wie wir jetzt gerade sind noch nicht ganz in Ordnung sind, dass wir uns selbst und anderen erst vergeben müssen um liebenswert und heil zu werden? Wer ist denn dieses Ich, das glaubt sich selbst vergeben zu sollen? Können wir uns selbst vergeben ohne uns wirklich umfassend selbst zu kennen?

Sicherlich stehen Hass, Neid, Vergeltungssucht, Unversöhnlichkeit und vieles mehr zwischen uns und unserer Fähigkeit zur Selbstliebe, jedoch sollten wir aufmerksam damit sein, was für Glaubenssätze wir in unsere Versöhnungsstrategie hinein packen.
Erwachen befähigt uns in keiner Weise über den Dingen zu stehen. Wenn wir wirklich aufwachen und die Untrennbarkeit und Unteilbarkeit der Existenz erleben, so ist dieses Erleben so erschütternd tiefgreifend und erhellend bezüglich der Diskrepanz zwischen unserem gegenwärtigen Charakter und unserer ewigen Vollkommenheit im Wesensgrunde, dass der Schmerz dieser Tatsache uns fortan auf unserem weglosen Weg begleitet und die Transformationsbereitschaft um ein Vielfaches erhöht.

es führt kein Weg zum Glück
du bist das Glück
wenn du dich unterwegs triffst
dich ins Ganze verlierst
und als das unfassbar Eine wiederfindest

In Liebe Saajid


Juli

Handlungsfreiheit

Nach wie vor werden sehr viele wundersame Dinge in das Erwachen hineinprojiziert, ohne welche sich wahrscheinlich nur wenige Menschen wirklich dem Erwachen zuwenden würden. Es könnte sein, dass viele spirituell suchende Menschen nicht wirklich erwachen möchten, sondern, dass sie eher auf der Suche nach einem besseren, oder angenehmeren Traum für ihr „eigenes“ Erleben sind. Dies zeigt sich spätestens, wenn wir wirklich mit unseren inneren Abgründen und Einbildungen in Berührung kommen.

Die Einbildungskraft des Menschen ist enorm. Diese Kraft ist so stark, dass sich Menschen gegenseitig für Ihre Ideologien und Religionen umbringen, Kriege führen und unvorstellbares Leid zufügen, oder auch grölend und johlend in Fußballstadien für teures Geld auf und ab hüpfen. Aber auch der Flügelschlag eines Schmetterlings kann nur dank Einbildungskräften geschehen.
Die Überzeugung, dass das Erwachen unsere Einbildungen auslöschen und geläuterte Heilige hervorbringen sollte, was auch immer wir darunter verstehen mögen, ist weit verbreitet. Dies ist ein Irrtum. Die Fähigkeit zur Einbildung bleibt weiterhin bestehen, auch wenn wir dies nicht gerne wahrhaben wollen. Die Wirkkraft der ganzen Existenz entspringt der göttlichen Einbildungskraft des wahrnehmenden Gewahrseins und daran ist nichts falsch.

Öfters höre ich von Menschen, welche darüber staunen, wenn ich sage, dass erwachte Menschen sich irren, Fehlverhalten unterworfen sind und sich alles Mögliche einbilden können. Es ist nicht von ungefähr, dass im Zen und auch in anderen spirituellen Traditionen, frisch erwachten Menschen empfohlen wird sich für mehrere Jahre zurückzuziehen, um eine intensive Phase der Integration und Läuterung zu ermöglichen. Dies hat damit zu tun, dass das geistige Erwachen entgegen der allgemein üblichen Meinung keinen Endpunkt, sondern tatsächlich den ersten Schritt auf dem weglosen Weg bedeutet.
Ein altes Sprichwort sagt, dass am Anfang der spirituellen Entwicklung die Flüsse als Flüsse und Berge als Berge gesehen werden; in der Mitte der Entwicklung Flüsse nicht mehr als Flüsse und Berge nicht mehr als Berge wahrgenommen werden und am Ende dieses Prozesses Flüsse wieder Flüsse und Berge wieder Berge sind.
Damit wir nicht über Form und Leere stolpern und um das Geistige und Weltliche als Einheit zu verwirklichen benötigen wir ein dreifaches Erwachen; das Erwachen in die Wesensnatur, umfassendes Erwachen des Herzens, sowie das Erwachen in das Selbst und in die Welt hinein, welche als Ausdruck des Einen hier erscheinen.

In unserer schnelllebigen Zeit und Kultur unterliegen wir oft dem Drang sofort all unsere Errungenschaften irgendwie umzusetzen. Diese lasche Haltung gegenüber Verwirklichung erzeugt einiges an Verwirrungen, Halbwahrheiten und Täuschungen im Bereich der spirituellen Lehrer-, Schüler- und Jüngerschaft. Die Tendenzen, den Täuschungen der Selbsterhöhung zu erliegen, sind nicht zu unterschätzen. Denn - welches „Ich“ glaubt da „kein Ich“ mehr zu haben?
Die Idee, mit dem Erwachen eine Ichauslöschung zu bewirken, spaltet die Ichidee einfach nur weiter ab. Das Ego ist nur eine Summe von Ichvorstellungen, wie sollte durch das Loslassen von Vorstellungen etwas verschwinden, das es so nicht gibt?

Wir hören auch, dass das erwachte Bewusstsein sich nicht mehr mit dem Handelnden identifiziert, das heißt, dass das erwachte Bewusstsein sich selbst ungeteilt wahrnimmt, genauso wie alle Handlungen und Erscheinungen. Diese Aussage ist ebenso einfach wie wahr. Jedoch wird sie oft sogar von Menschen, welche sich als erwacht betrachten, missverstanden. Verantwortungslosigkeiten und Handlungseingeschränktheiten sind Folgen dieser eben oft nur halbverdauten Wahrheit. Daraus folgen Tendenzen des Wegschauens, des sich-nicht-Einlassens, des sich-unanfechtbar-Machens, des über-den-Dingen-Stehens und der Selbsterhöhung. Zudem werden dadurch allerlei Einbildungen, über spirituellen Fortschritt und Losgelöstheit von Anhaftungen, die Tore geöffnet.
Die Geschehnisse nur zu Betrachten und nicht als Handelnder einzugreifen, da dies ja als ein Zeichen der Identifikation verstanden werden kann, lässt uns oft eher in der Beobachterrolle verharren, als uns beherzt auszudrücken und zu handeln. Die Angst uns angreifbar und verletzlich zu machen hält uns dadurch weiterhin unbewusst im Griff.
Es braucht Mut und Kraft zur Hinwendung, um uns, ungeachtet dessen, ob sich die geistigen und emotionalen Verstrickungen im „eigenen“, oder im „anderen“ System bemerkbar machen, zu stellen. Letztendlich kommen wir nicht umhin zu erkennen, dass all unser Erleben in „diesem einen“ Gewahrsein stattfindet.

Unsere Einbildungskräfte ermöglichen uns Energiestrukturen zu gestalten, welche Energien binden und zu Form verdichten.
Wir sollten unser unreifes Verhalten, den gebundenen Kräften entfliehen zu wollen, beenden und stattdessen lernen mit diesen Kräften kreativ und lebensbejahend umzugehen.

flüchtige Schattenlichter
zart und leicht
wippender Blütenzweig

In Liebe
Saajid


Juni

Staub im Wind

Es ist nicht so, dass wir erwachen müssen. Die meisten Menschen nehmen sich nicht als träumend wahr und auch nicht als von ihren Konditionierungen gesteuert. Die meisten Menschen wollen keinesfalls erwachen. Sicher, sie wollen stets, dass es ihnen besser geht, aber nicht zu einem Preis, der sie in ihren Wünschen, Hoffnungen und Sehnsüchten stört. Es ist also wichtig zu verstehen, dass es aus biologischer Sicht nicht notwendig ist zu erwachen. Unsere Wesensnatur kennt keine Dringlichkeit uns in die Wirklichkeit zu holen. Wenn wir im Kino sitzen kommt ja auch niemand und zerrt uns an die frische Luft zu Bergen und Seen, Wiesen und Wäldern, bunten Feldern, Tieren und Pflanzen.

Kürzlich schrieb mir wer nach einer Trauerfeier:
“Ich bekam richtig Gänsehaut, als mir wieder bewusst wurde, dass unsere Körper und unsere persönliche Geschichten irgendwann nichts als Staub im Wind sind.“
Bevor wir diese Tatsache nicht intensiv spüren werden wir wohl kaum wirklich bereit dazu sein die Absicherungen in unserer Psyche zu boykottieren, welche uns davon abhalten in unsere Abgründe zu blicken. Selbst gerade jetzt, wenn du dies hier liest, wirst du wahrscheinlich ein mehr oder weniger ungutes Gefühl bei dem Wort Abgrund erhalten. Aber wieso denn? Wer oder was sagt uns, dass das was wir dort erblicken nur schlimm sei? Eben genau dies hat mit unseren Kontrollmechanismen zu tun.

Das übliche Bewusstsein beschränkt sich auf die Wahrnehmung der eigenen, das heisst auf das Ich bezogenen, Idee von „mein“ (Körper, Psyche, Denken, Fühlen) und von „nicht mein“ (die Welt da draussen). Wobei üblicherweise die Welt da draussen in „Zu-mir-gehörendes“ und „Nicht- zu-mir-gehörendes“ eingeteilt wird. Wenn die Unhaltbarkeit dieser Annahme erkannt wird, so versucht das Ich zunächst mal sich selbst über eine nächste Abspaltung zu retten, denn das Ich kennt nur die Strategie der Abspaltung. Es trennt sodann in Sich selbst und das Ich, das zu einem Nicht-Ich wurde, das ja jetzt in der neuen Erkenntnis nunmehr zu allem anderen gehört. Dies befähigt zum Beispiel Menschen mit grosser und mehr oder weniger offensichtlich egoistischer Überzeugung davon zu reden, dass sie als Ich nicht, oder nicht mehr existieren.

Diese Abspaltung ist eine der Gründe warum sich diese Ideen, dass nach dem geistigen Erwachen, was allgemein als Erwachen bezeichnet wird, unsere Tendenzen und Anhaftungen erlöst seien, so hartnäckig gehalten haben.

Oft erleben Menschen ihre weltlichen Angelegenheiten vor, nach und während des Erwachens, in keiner Weise als erlöst. Dies hat damit zu tun, dass das geistige Erwachen entgegen der allgemein üblichen Meinung keinen Endpunkt, sondern tatsächlich den ersten Schritt auf dem weglosen Weg bedeutet.
Um das Geistige (Leere) und Weltliche (Form) als Einheit zu verwirklichen, benötigen wir ein umfassendes Erwachen des Herzens; Erwachen in die Wesensnatur, sowie Erwachen in das Selbst und in die Welt hinein. Alle manifestierten Ebenen, so unterschiedlich sie sich auch präsentieren und ausdrücken, sind das unfassbare und unbenennbare Eine. Egal auf welcher Ebene sich unerlöstes zeigt, es genügt nicht all dies einfach in Teilnahmslosigkeit zu betrachten. Hier wäre hilfreich zwischen Teilnahmslosigkeit und Gelassenheit unterscheiden zu lernen.
Es ist notwendig die Läuterung und Erlösung unserer Tendenzen und Anhaftungen in einem mit dem Erwachen des menschlichen Geistes zwar verbundenen, aber unabhängigen Kontext zu sehen und zu verstehen!
Wesensnatur, oder Buddhanatur ist allen Wesen, unabhängig ihres emotionalen und geistigen Zustandes, zu eigen.

In Liebe
Saajid


Mai

Meditationspraxis

In der zweiten Hälfte des ersten Jahrtausend führte das umfassendere Verständnis und die Komplexität der Welt, das Gefühl von Unzulänglichkeiten, sowie die Vielfalt an Botschaften und Weisungen in China zu einer Krise des Geistes. Die Menschen sahen sich von den enormen Mengen an überlieferten Texten und Ritualen erdrückt. Bereits waren viele Formen des Zusammenlebens erprobt und viele unterschiedliche Einblicke in das Weltgeschehen geworfen worden. Die Meditation als Versenkungspraxis, welche von Taoisten wie Buddhisten geübt wurde, war oft nur noch Formsache.
In dieser Zeit traten in China einzelne Lehrer mit einem frischen, ursprünglichen und neuen Blick auf unser Dasein auf und versprachen unmittelbare, authentische Erkenntnis. Sie beriefen sich auf einen Vorgänger namens Bodhidharma, der Anfang des 6. Jahrhunderts von Indien nach China gekommen war. Dieser begründete eine Überlieferung der unmittelbaren Einsicht durch Meditation, welche ausserhalb der Traditionen und unabhängig von heiligen Schriften stand.
Die Unterweisung erfolgte von Herz-Geist zu Herz-Geist zwischen Lehrer und Schüler. Trotz Betonung der Meditationspraxis ging es den Meistern des Zen immer um eine Überlieferung des Herz-Geistes durch Unmittelbarkeit.

Anfang des 13-ten Jahrhunderts brachte Dogen Zenji (1200 bis 1253) das Chan (Zen) von China nach Japan. Obschon diese Bewegung später als Soto-Zen bekannt wurde, so wollte Dogen doch keine neue Zen-Sekte gründen, sondern als Erneuerer der ursprünglichen, authentischen Buddha-Lehre wirken.

Schrift im Tempelkloster Kannon Doriin (Auszug)

Frage:
Der Weg ist ursprünglich vollkommen und frei. Wie verhält es sich mit Übung und Erleuchtung? Lehre und Fahrzeug sind frei, weshalb braucht es Mittel? Ist nicht alle Wirklichkeit weit dem Staub entrückt? Wer gibt sich den Mitteln der Reinigung hin? Erleuchtung ist nicht fern von hier, weshalb bedient man sich der Übung?

Antwort:
Doch, wenn nur die geringste Trennung besteht, so ist die Kluft wie zwischen Himmel und Erde. Wenn nur ein geringster Widerstreit entsteht, so geht in der Verwirrung der Buddha-Geist verloren.
Der Weg der Trübungen in dieser Staubwelt kommt von der Unruhe des gegensätzlichen Denkens.
Mag einer sich seines Verstehens rühmen und reich an Erwachen sein, mag er ein wenig Wunderkraft erlangt, den Pfad ergriffen und den Geist aufgehellt haben, mag er mit seinem Vorhaben bis an den Himmel stossen und bis in die Nähe der Erleuchtung eindringen, jedoch noch entbehrt er des Weges der Befreiung.
Doch jener erhabene Shakyamuni (Buddha), der doch von Geburt an das Wissen besass, gab das Beispiel des sechsjährigen Hockens in Meditation! Der grosse Meister Bodhidharma, der das Siegel des Geistes überlieferte, hinterliess das Vorbild der neunjährigen Wandbetrachtung! So Taten die Heiligen von alters her. Weshalb üben die Leute heute nicht mehr?
Lass also ab davon, Erklärungen zu suchen und Worten nachzujagen! Lerne das Licht sich zurückwenden und auf die eigene Natur scheinen zu lassen! Von selbst fallen Geist und Leib aus und das natürliche Antlitz erscheint. Wenn du dies erlangen willst, so übe eilends Zazen!
Wahrlich das eine Tor der Erleuchtung ist höchste Vollendung. Deshalb disputiere nicht über Weisheit und Torheit, unterscheide nicht zwischen scharfsinnigen und stumpfen Menschen! Weshalb vergisst du der eigenen Zazen-Haltung und wendest dich nutzlos den Staubgefilden fremder Länder zu? Wenn du den ersten Schritt verfehlst, so strauchelst du sofort. Verbringe nicht eitel die Tage und Nächte! Denke stets daran den Buddha-weg zu üben! Gestalt und Eigenschaften der Menschen sind vergänglich wie der Tautropfen am Grashalm. Das Schicksal des Menschenlebens gleicht dem Blitz. Nur ein plötzlicher Augenblick und er vergeht, ein flüchtiges Nu und es ist dahin.
Ihr achtbaren Übenden, haltet euch nicht beim Abtasten des Elefanten auf, scheut euch nicht vor dem wahren Drachen! Wendet euch rasch dem wahren Weg des unmittelbaren Aufzeigens der Buddhanatur zu. Lasst euch nicht vom Wind der Meinungen, der euer Ohr berührt belästigen!
Wie könntet ihr ob des Lautes der Worte in Staunen geraten? Öffnet richtig den Schatz des eigenen Selbst, dass ihr ihn frei geniessen könnt!

Dogen Zenji-tausend bunte Farben
erklingen
auf Büschen und Bäumen

Stille singt
weisse Blüten
auf weisses Papier
-
In Liebe Saajid


April

Meditieren ohne Ziel

Advaita vermittelt ein radikal nichtdualistisches Bild der Wirklichkeit unseres Daseins.
Der Begriff Advaita bedeutet “Nicht-Zwei”, was bedeutet, dass unsere ganze Existenz schon jetzt und immer untrennbar Eins ist. Dies besagt, dass es nichts unabhängig Getrenntes in der Existenz gibt. Dadurch fällt die ganze Thematik um Sucher und Gesuchtes (Subjekt–Objekt) in der Spiritualität mit einem Schlag weg, da im Advaita die Idee eines sich als getrennt wahrnehmendes Wesen nur als vorübergehendes, illusorisches Konzept betrachtet werden kann. Wenn diese Offenbarung sich uns in ganzer Klarheit zeigt, kann der hypnotische Traum eines getrennten Ichs, das nach Erleuchtung sucht nicht weiter bestehen bleiben.
Diese klare und kompromisslose Sicht des Absoluten wird jedoch nur selten vermittelt, da sie an keine Lehre gebunden ist. Diese einfache und radikale Erkenntnis beendet und vollendet sich in einem Satz selbst. Jede weitere Ausführung würde eine Behinderung und Verstrickung bedeuten.

Wie steht es dann um Meditation? Ist Meditation nicht auch eine zielorientierte Technik um Erleuchtung, oder zumindest Befreiung von den Ursachen unseres Leidens zu erlangen? Ist Meditation nutzlos? Sollten wir aufhören zu meditieren?

Ich sehe noch genau die Szene vor meinen Augen, wie ich mit meinem alten Fahrrad in den Siebziger-Jahren, auf dem Nachhauseweg, über die backsteingepflästerte Strasse der Berner Altstadt fuhr. Ich sehe noch in unglaublicher Detailtreue die Farben, die Geräusche, die Stimmung, die Umgebung, an welcher mich der Einfall beflügelte, mich zu meiner täglichen Meditation zu begeben, mich nieder zu setzen, wie üblich alles kommen und gehen zu lassen, jedoch mit dem unglaublich grossen Unterschied – nicht zu meditieren! Meditieren ohne zu meditieren! Ja, ich sitze einfach hin, schliesse meine Augen und mache gar nichts, nicht einmal meditieren. Diese damals für mich neue Idee, welche aus meinem Innersten sprang, begeisterte mich ausserordentlich. Es war wie ein fehlendes Puzzleteil, welches vor meiner Nase lag, jedoch immer übersehen wurde. Ich war bis dahin nie in einem Meditationskurs oder in einer Selbsterfahrungsgruppe, hatte weder eine Einführung erhalten, noch bewegte ich mich in irgendeiner religiösen Vereinigung. Auch las ich selten bis nie Bücher und wusste eigentlich überhaupt nichts über Meditation, ausser dass ich irgendwie sehr damit vertraut war. Es war ein Glück, dass ich fast nichts darüber wusste. Ich war damit sehr naiv und wurde in den Meditationsphasen auch dementsprechend heftig durch meine Vorstellungen und Glaubenssätze geschüttelt. Und doch war es ein ausserordentliches Glück, da mich bis anhin niemand mit Strategien und Erwartungen gefüttert hatte. Ein paar Jahre vorher fragte mich ein guter Freund nur, warum ich eigentlich nicht anfange zu meditieren. Ich fragte ihn wie man das mache. Er sagte mir: Du sitzt dich einfach hin, schliesst die Augen und bleibst wach. Das war alles. Keine Erklärungen. Später setzte ich mich zuhause hin, schloss die Augen und wusste sofort: Ja, dies kommt mir sehr vertraut vor. Dies ist ein Prozess, den ich von irgendwoher kenne. Ich begann regelmässig und manchmal lange Zeiten zu meditieren. Oh, es war eine spannende, zeitlose Welt in der ausserordentlich viel geschah. Entzückungen, Verzückungen und erschreckende Abgründe. Phänomene, Lichterscheinungen, Aurafarben, sowie schier endlose Kämpfe und Verstrickungen mit meinem Verstand. Ich war damit sehr unbewusst-unschuldig und liess mich einfach in der Strömung der inneren Erscheinungswelt wie ein Stück Treibholz umher wirbeln, mit teilweise entsprechend chaotischen Begleiterscheinungen.
Dann erschütterte mich ganz sanft und tief dieser Einfall: „ Meditieren ohne etwas erreichen zu wollen!“ während meiner Fahrradfahrt auf dem Heimweg. Als ich nachhause kam setzte ich mich hin, schloss die Augen und wartete ohne zu warten, meditierte ohne zu meditieren. „Wach zu sein ohne zu tun“ hat viel tiefere Dimensionen als wir gemeinhin vermuten. Wir denken vielleicht: Ja, ja, da zu sitzen ohne zu tun, hm, was soll daran so speziell sein? Jedoch Nichtstun ist das seltenste Ereignis überhaupt. Es ist eine Kunst. Wenn wir glauben nichts zu tun, so sind wir doch meistens mit Gedanken und Gedankenbildern beschäftigt, oder auf irgendeiner Weise am Konsumieren, sei es Buch, Fernseher, Film usw.… Selbst, wenn wir nicht mit Gedanken und Projektionen beschäftigt sind, so sind wir doch unbewusst stets damit beschäftigt „uns“, das heisst diese Ichideen, irgendwie zusammenzuhalten.
Ich war offen und bereit mich auf diese tiefere Dimension des Nichttuns einzulassen. Ich sass nur ein paar Minuten so, als sich in mir eine Öffnung wie ein Riss in einem schweren Vorhang auftat. Farbige Energieblüten fielen wie Regentropfen über mein Wesen und badeten mich in Glückseligkeit. Es war schwierig für mich dieses wunderbare Gefühl lange zu ertragen. Für mein Wesen war diese Gefühlsdusche unfassbar. Ich bin da schnellstmöglich wieder heraus geflüchtet. Meine Konditionierungen hielten mich nicht für sehr würdig lange damit zu verweilen. Die Menschen reagieren im Allgemeinen auch nicht allzu nett auf jemanden in zu offensichtlicher Seligkeit. Ich habe dieses Ereignis damals nie als Erleuchtung, oder Erwachen angesehen, dafür schien mir zuwenig Transformation in Richtung meiner Heiligenbilder geschehen zu sein. Denn mein schlechtes Selbstwertgefühl und meine Schuldgefühle waren immer noch dieselben.
Doch dies war für mich der Anfang und die Öffnung in ein Leben in Meditation, auch wenn ich mich auf diesem weglosen Weg noch kaum zu bewegen wusste.

Meditation ist keine Technik, sie ist unser Wesensgrund.

Meditation beginnt, wenn der Meditierende verschwindet.

In LiebeSaajid


März

Verstehen

Das Bedürfnis Alles und Jedes in allen nur möglichen Bereichen mitzubekommen und sich anzueignen ist in unserem Kommunikationszeitalter immens angewachsen. Doch wir entfernen uns damit immer mehr von der Bereitschaft eigene und direkte Erfahrungen zu machen. Je mehr wir wissen wollen umso mehr Erklärungen in schier endlosen Variationen erscheinen überall. Der Gehalt und die Substanz des Angebotenen sind oft nicht wirklich abzuschätzen. Viele unserer Erklärungen und sogenannten Erkenntnisse sind öfters Spekulationen.
Mit der Informationsvermehrung wird essentielles Wissen nicht immer gestärkt, sondern auch zugemüllt. Früher war es schwierig zu essentiellem Wissen zu gelangen, weil die Kommunikationswege fehlten. Heute ist es schwierig zu essentiellem Wissen zu gelangen, weil die offenen Kommunikationswege essentielles Wissen unter Bergen von ungefiltertem Informationsmüll begraben. Ob wir auf diese Weise wohl wirklich weiser werden?
Wir Menschen stecken in einem Wahn und einer Sucht alles verstehen und uns aneignen zu müssen, weil wir den natürlichen Zugang zu unserem Einssein verloren haben. Je weniger Verbundenheit desto grösser der Hunger nach Verstehen. Doch das Verstehen ist oft nur der billige, gehaltlose Ersatz für das direkte unmittelbare Erleben. Verstehen verhält sich zu direktem Erleben meistens wie das Lesen des Menüs auf der Speisekarte zu dem Verspeisen des Menüs selbst.
Dieser Trend, bequeme Erklärungen zu erhalten, ist oft auch im Satsang spürbar. Der eigentliche Sinn von Satsang ist jedoch nicht das Erklären von Gott und die Welt und warum alles Eines ist.
Der Sinn von Satsang ist Tore zu öffnen für das direkte unmittelbare Erleben unserer Wesensnatur und das Eintauchen in das vollumfängliche „Erleben“ unseres Hierseins. Das Anhäufen von scheinbarem Wissen und Aneignung von geistigen Inhalten, ist genau die Art und Weise, wie wir dieses direkte Erleben am besten verhindern und Einbildungen jeder Art fördern.
Essenzielles Wissen folgt oft ganz natürlich auf eine Stärkung unserer Präsenz durch direkte Hinwendung an unser Hiersein. Aber auf anhaltende Informationsüberflutung folgen hauptsächlich Einbildungen, Illusionen und weitere Spekulationen.
Mögen wir uns von dieser Krankheit so bald wie möglich erholen und lernen Essentielles und Nährendes von Scheinbarem zu unterscheiden!

Wenn wir erkennen, dass unser Wesen unmöglich auf dieses Ich unserer Identifikationen reduziert werden kann, so beginnen wir uns selbst zu suchen. Wir suchen uns selbst als etwas das tiefer ist als alles was wir von uns kennen und als etwas, das den Wandel der Zeit überdauert, das ewig ist und unserem Wesen unvergängliche Heimat sein kann. Doch wir suchen nach diesem Etwas oft als sei es etwas dinghaftes, eben ein Etwas.
Jesus sagt: Ich bin das Licht der Welt. Dies ist sehr bedeutungsvoll und absolut korrekt. Wir sollten dies tief verstehen. Wir lesen dies vielleicht auf diese Weise, dass „er“ dieses Licht sei. Doch wir können diesen Ausspruch auch anders verstehen. Als: das „Ich bin“ ist das Licht der Welt.


Februar

Nach Hause

Fragen und Antworten aus einem Briefwechsel:

Wie illusorisch ist denn nun die Illusion?
Illusionen gibt es nicht, sie sind nicht existent. Also alles was erscheint muss eine reale Quelle haben und sollte daher nicht als Illusion bezeichnet werden. Natürlich ist bezüglich „Erscheinungsbild“ nicht alles so wie es scheint, daher die Idee der Illusion.

Es heißt, dass es keine anderen gibt, dass es "mich" nicht gibt. Nur als Gedanken-Konstrukt.
Dass es „dich“ nicht gibt stimmt so nicht. Es gibt dich. Es gibt jedoch kein Ich und es gibt dich nicht so wie du dich ein-bildest, das heisst, was für ein Bild du von dir hast. Das was üblicherweise als Seele bezeichnet wird ist existent. Alles was erscheint muss eine existente Quelle haben.

Es heißt, dass alles verschwindet, sobald es hier (von mir) nicht mehr wahrgenommen wird. Wenn das tatsächlich so ist, dann ist die ganze Welt nicht permanent existent, sondern immer nur dann, wenn ich sie wahrnehme.
Gewahrsein ist die Quelle des Seins – Es alleine ist existent. Erscheinungsformen erscheinen und verschwinden; sie sind vergängliche, zeit- und raumgebundene Phänomene. Es gibt auch kein permanentes, existenzielles Ich. Das Ich ist ein zeitgebundenes Identifikationskonstrukt, das sich innerhalb des Traumes bewegt.

Gleichzeitig wird ja auch gesagt: Du bist alles, was ist. DAS HIER ist alles, was ist.
Ja, die Quelle ist immer ganz und du bist die Quelle, alles ist Eines – daher bist du alles was ist, jedoch nicht als getrennte Form. Es alleine ist, oder ein wenig altmodischer gesagt, Gott alleine ist.
„Das Hier“ ist existenziell kein Ort und das „Jetzt“ keine Zeit. Es ist „Es“ und Raum-Zeit ermöglicht Berührbarkeit.

Das würde dann auch bedeuten, dass nichts existiert, außer dem, was in jedem einzelnen Moment hier (von mir) wahrgenommen wird. Nicht mehr und auch nicht weniger.
Ja, nichts existiert aus sich selbst heraus, so wie es erscheint und Nein, alles existiert als „Das“. Es hat nie etwas in dieser Weise existiert wie wir normalerweise glauben.
Es gibt nicht so etwas wie „meine“ Wahrnehmung als Instanz für das was existiert. Die Instanz für die Existenz ist das Gewahrsein und Gewahrsein ist sowohl individuell einzigartig (Form), als auch unpersönlich all Eins (Leere). Gewahrsein ist alles was ist und jenseits von Sein und Nichtsein.
Den Moment gibt es nicht. Die Gegenwart gibt es nicht. Wenn wir Gegenwart sagen, so nehmen wir ein Stück aus einem Zeitabschnitt heraus. Raum und Zeit ist nicht zu trennen, es ist dieselbe Erscheinung, nämlich Raum-Zeit. Der Moment oder die Gegenwart ist Teil unseres Konzeptes von Raum-Zeit.
Zeit ist relativ und ein praktisches Konzept. Jedoch geschieht alles in der zeitlosen Ewigkeit. Ewigkeit ist zeitlos und ortlos „gegenwärtig“ und sie ist die Quelle des „Phänomens“ Raum-Zeit mit all ihren Erscheinungen. Wir können auch sagen die Quelle träumt Raum-Zeit und damit das ganze Universum.

Wenn du im Kino einen Film schaust, so gehst du vielleicht in der Geschichte verloren, oder du bist ganz präsent im HierJetzt. Doch die Umstände sind dieselben, nämlich, dass Lichtpartikel durch den Projektor gebrochen werden und einen Film auf einer leeren Leinwand erzeugen. Wenn du in der Geschichte verloren bist, so bist du im Traum gefangen, wenn du jedoch HierJetzt präsent bist, dann siehst du dich als Gewahrsein, das sich selbst gewahr ist, alles umfasst und nicht getrennt ist. Doch die Erscheinungsform des Filmes bleibt dieselbe und auch die Art und Weise wie er entsteht. Das Leben und die Welt ist eine Spiegelung unseres Wesens, damit Verblendung, Abspaltungen, Glaubenssätze, Illusionen, Identifikationen und Tendenzen, sichtbar und spürbar werden. Das Leben bietet uns die Gelegenheit berührt zu werden; Berührbarkeit.
Selbsterforschung, Selbstversenkung und Selbsterfüllung führen uns nachhause.

Das erwachte Bewusstsein sieht die Wirklichkeit als Gewahrsein, all seine Ausdrucksweisen und alle Wesen als Gewahrsein, sowie den ganzen Lebensfluss als Gewahrsein.
Das erwachte Wesen sieht die Wirklichkeit als erfüllte Präsenz, all seine Ausdrucksweisen und alle Wesen als erfüllte Präsenz, sowie den ganzen Lebensfluss als erfüllte Präsenz.
Das erwachte Herz sieht die Wirklichkeit als Liebe, all seine Ausdrucksweisen und alle Wesen als Liebe, sowie den ganzen Lebensfluss als Liebe.
Bewusstsein, Wesen und Liebe sind Eines.
Sat Chit Ananda : Gewahrsein – Stille, tiefe weite Präsenz – Glückseligkeit.

Kann hier von mir wahrgenommen werden, dass ich die Quelle, dass ich alles-was-ist bin? Nimmst du das so wahr?
Ja, ganz natürlich als Präsenz jedoch nicht als ich, der etwas wahrnimmt, sondern als Gewahrsein von Gewahrsein.
Gewahrsein, das sich selbst gewahr ist sieht überall und alles als Gewahrsein, als Liebe-Gewahrsein-Präsenz.
Dadurch ändert sich überhaupt nichts. Alles ist einfach Das.

Selbsterforschung, Selbstversenkung und Selbsterfüllung führen uns nachhause.
Was empfiehlst du zur Selbsterforschung? Wie können Selbsterforschung, Selbstversenkung und Selbsterfüllung am besten gemacht werden? Was empfiehlst du überhaupt, um das klar erkennen zu können?
Das ist ziemlich komplex. Ich versuche es hier mal ganz einfach zu halten.
Selbsterforschung, Selbstversenkung und Selbsterfüllung sind nicht getrennt oder gesondert zu betrachten. Es sind einfach verschiedene Aspekte derselben Verwirklichung-Entwicklung (Verwirklichung im Sinne von Entfaltung, Entwicklung im Sinne von Auswicklung). Auch Unmittelbare und prozesshafte Einbrüche/Dynamiken sind nicht gesondert zu betrachten. Vielmehr ist ein lebhaftes hin und her am erfolgreichsten. Es ist eine Art spiralförmiger wegloser Weg. Weglos, da ohne Richtung und ohne Spur, da keine Ambition oder Strategie dich irgendwie weiter bringt. Weg, weil dich das Leben „be-wegt“.
Es geht darum dich dahin zu wenden wo sich dir dein Sein in seiner ungeteilten Ursprünglichkeit zeigt. Also Bejahung. Haben-wollen und Vermeiden-wollen ist zu umgehen. Es geht darum mit großer Hinwendung und Entschlossenheit alles zu tun was in deinen Möglichkeiten liegt im Bewusstsein, dass nichts wirklich von „dir“ getan werden kann - also um Vertrauen.
Du balancierst immer wieder aus, wenn etwas fehlt, oder in Unordnung kommt, oder du etwas brauchst. Dies betrifft alle Ebenen. Geist, Seele und Herz. Sich vom Herzen leiten lassen. Emotionen und Gefühle geben Hinweise auf Traumas, Identifikationen, Abhängigkeiten, Glaubenssätze und Tendenzen. Das Leben zeigt dir jederzeit unmittelbar was du abspaltest. Bist du bereit das anzunehmen, was dir das Leben spiegelt?
Die Bereitschaft dein Leben lang zu meditieren, ohne dass es dir eine Rolle spielt was damit geschieht und wohin es führt und selbst, wenn es irgendwohin führt und selbst, wenn Erleuchtung eintreten sollte, es genauso wenig eine Rolle spielt, ist wesentlich. Denn Wesensnatur ist jenseits von Erleuchtung und Nichterleuchtung.
Zenmeister Dogen sagte Erleuchtung und Praxis sind nicht zu trennen. Das Vertrauen, dass dir auf dem weglosen Weg alles gezeigt wird was du benötigst führt dich nachhause.

In Liebe
Saajid


Januar

Stille regnet

Ausschnitt aus einem Satsang Zürich 2004:

Wenn dieser Donner (es donnert und blitzt) das Gefühl hätte er sollte leiser donnern, dann gäbe es echt ein Problem. Ebenso ist es mit dem Schmerz und mit den Wunden, welche wir verstecken und verdecken. Wir haben das Gefühl, dass wir uns nicht damit zeigen dürfen. Niemand sollte sie sehen. Es scheint uns unnatürlich.
Es ist sehr viel Schmerz in der Welt.
Die Natur des Gewitters ist jedoch offensichtlich und ebenso ist die Natur des Menschen. Darum bist du berührt davon. Ja? Die Natur des Menschen ist zu regnen, über zu fließen, sich verströmen. Das Gewitter erinnert uns an unser Gewittersein. Ein Gewitter beinhaltet den Blitz, das Donnern und den Regen.

T: Ich hätte nie gedacht, dass niemand zu sein so problemlos ist.
Ja, sehr schön. ………...
Es ist nicht unser glorioser Kampf mit dem Ich, welcher zur Überwindung des Ichs führt. Es gibt nichts zu erkämpfen und nichts zu besiegen hier. Es ist diese Hingabe, welche nur ganz mühelos und ohne unser dazutun geschehen kann. Manchmal sehen wir erst in der Hingabe unserer Ich-Vorstellungen, dass das Ego sich scheinbar aufgelöst hat. Aber diese Feststellung ist dann nicht wirklich korrekt, da diese Ichgespenster nur scheinbare Wirklichkeit haben. Die Fähigkeit sie wieder neu zu bilden bleibt bestehen! Wir sind in jeder Richtung zu allem fähig.
Ja, wir sind nicht hier um neue Kampftechniken gegen unsere Egos zu erproben, sondern um Frieden mit uns selbst zu schließen.

T: Was mir auch auffällt ist, dass die Lücken zwischen den Worten genauso wichtig wie die Worte selbst sind. Ich sehe das, weil die Wahrnehmung so stark in Erscheinung tritt, wenn du nichts sagst, bevor das nächste Wort kommt. Die Präsenz der Stille ist zwischen den Worten so dicht. Das ist mir noch nie so bewusst geworden wie jetzt. Die Wahrnehmung verschärft sich sehr stark. Es scheint mir wie wenn ich eine Lupe hinhalten würde, wenn du sprichst, dann wirken die Pausen dazwischen wie eine Verstärkung, eine Vergrösserung.

Stille klingt. ..........(Regengeräusche)
Ja, Worte weisen nur zum Wesentlichen hin. Worte können nur benutzt werden um das, was zu viel ist, wegzunehmen. Der Rest geschieht durch Stille.
Es ist erstaunlich. Es sind nur unsere Ideen welche uns begrenzen. Es ist einfach zu unglaublich, dass wir dieses Gewitter sind. Der Regen, das Klopfen der Tropfen auf den Fenstersimsen. Wir sind das. Es geschieht. Es ist hier. Niemand ist hier dem es geschieht. Es geschieht einfach. Wir sind all das. Wem geschieht hier etwas? Wir sind das. Wir donnern. Wir blitzen. Wir regnen. Wir atmen Regen, Donner, Blitz. Es ist unglaublich. Es hat nichts mit uns als Ich zu tun, weil wir all das in unserer Ganzheit sind.

Wir sollten nicht versuchen stets im Moment zu leben, das ist unnatürlich, künstlich und trennend; sondern uns bewusst bleiben, dass das Leben in der Gegenwärtigkeit unseres Hierseins stattfindet. Wir, Bewusstsein, das Leben, Gegenwärtigkeit und Hiersein - alles untrennbar eines.

In Liebe
Saajid


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