Archiv 2016

März

Offenheit

Advaita Vedanta vertritt keinesfalls eine Philosophie, welche einen Schöpfergott ausschließt, als was sie hier im Westen oft fälschlicherweise dargestellt wird. Ramana Maharshi erklärt in „Gespräche des Weisen vom Berge Arunachala“:

Der Zweck der ganzen Philosophie besteht darin, auf die Eine Wirklichkeit hinzuweisen, ob sie nun den drei Zuständen Wachen, Traum und Tiefschlaf zugrunde liegt oder der individuellen Seele, Welt und Gott. Es sind drei Standpunkte möglich:

1. Vyavaharika: Der Mensch sieht die Welt in all ihrer Vielfalt, vermutet einen Schöpfer und hält sich selbst für das Subjekt. So wird alles auf die drei Grundelemente Welt, Gott und verkörperte Seele zurückgeführt. Er hört von der Existenz des Schöpfers und versucht ihn zu erreichen, um unsterblich zu werden. Wenn auf diese Weise einer aus dem Gebundensein befreit ist, existieren alle anderen Individuen nach wie vor und müssen ihre eigene Erlösung erwirken. Er gibt mehr oder weniger zu, dass all diesen Phänomenen die Eine Wirklichkeit zugrunde liegt; sie gehören zum Spiel Mayas, die wiederum die Kraft Gottes oder die Tätigkeit der Wirklichkeit ist. Die Existenz verschiedener Seelen, Objekte usw. steht nicht im Widerspruch zum Advaita-Prinzip des Einen ohne Zweites.

2. Pratibhasika: Welt, verkörperte Seele und Gott sind alle nur da, weil jemand sie sieht. Sie existieren nicht unabhängig vom Seher. Es gibt also nur eine verkörperte Seele, sei sie nun das Individuum oder Gott. Alles Andere ist Täuschung.

3. Paramarthika oder Ajatavada: Die Lehre von der Nicht-Schöpfung die kein Zweites zulässt. Es gibt weder Wirklichkeit noch deren Abwesenheit, weder Suchen noch Finden, weder Gebundensein noch Befreiung.

Es erhebt sich die Frage weshalb denn alle heiligen Schriften vom Herrn als dem Schöpfer sprechen? Wie kann das Geschöpf das wir sind den Schöpfer erschaffen und gleichzeitig behaupten, dass Welt, Seele und Gott lediglich Vorstellungen des Geistes seien? Als Antwort zwei Beispiele: Sie wissen, dass ihr Vater tot ist und dass seit seinem Tode mehrere Jahre verflossen sind. Trotzdem sehen Sie ihn im Traum und erkennen ihn als den, der Sie gezeugt und Ihnen ein Erbe hinterlassen hat. Hier sind Sie der Schöpfer. In einem anderen Traum dienen Sie einem König und sind Amtsträger in der Verwaltung seines Reiches. Sobald Sie erwachen ist alles verschwunden und Sie, das Individuum, sind allein zurückgeblieben. Wo war alles andere? Nur in Ihnen. Die gleiche Analogie trifft auf die Eine Wirklichkeit zu.

Ramana Maharshi, April 1937

Das Prinzip des Einen ohne ein Zweites schließt keinerlei individuelle Formung oder Erscheinung aus. Es behauptet lediglich dass im Wesensgrunde „all dies“ das Eine sei und dass außer diesem kein Zweites existiere. Wenn wir in diesem Licht die christliche Behauptung des einen Gottes, im Hinduismus die vielen Götter, oder in diversen Religionen die Anschauung ohne Schöpfergott betrachten, so scheint dies in keiner Weise wirklich im Widerspruch mit der Philosophie des Advaita Vedanta zu stehen. Das Eine und die Vielfalt „als Eines“ zu betrachten erscheint für unseren Verstand in seiner linearen und limitierten Denkweise widersprüchlich. Doch dieser kann sich auch öffnen und durchaus tiefere und umfassendere Zusammenhänge nachvollziehen. Wie zum Beispiel die Einfalt in der Vielfalt und die Vielfalt in der Einfalt.

In Liebe Saajid

Februar

Verblendung

Der ununterbrochene Kampf um unser Überleben, um unsere Daseinsberechtigung, um Akzeptanz, Liebe und Anerkennung, über all die Jahrtausende hindurch, hat in uns viele neurotische Verhaltensmuster geprägt, welchen wir uns nur schwer entziehen können. Wir glauben so oft irgendetwas haben, oder etwas vermeiden zu müssen, dass wir fast nicht mehr aus diesem Kampfmodus heraus finden.
Es ist nicht diese Welt, welche uns so sehr plagt. Es ist das Leiden an uns selbst, an unserem Ich und Mein, welches unendlich viel Leid in unserer Welt erzeugt und dabei auch noch sämtliche Grundlagen und Ressourcen zerstört.
Unser Leiden beginnt stets in unserem „Selbst-Verständnis“ in und mit uns selbst, in den Ich-Gedanken, Ich-Ideen und Ich-Projektionen und den Abgrenzungen zu all dem scheinbar „Anderen“, das zu diesem „Ich“ in Bezug gesetzt wird. Ist es nicht erstaunlich? Über sieben Milliarden unterschiedliche, einzigartige Ichs auf dieser Erde und jeder meint dasselbe Ich, nämlich seines.

Auch wenn es uns sehr unangenehm ist und wir noch so gerne unsere Neigungen und Tendenzen weg-erleuchten, oder weg-erwachen lassen würden, wir kommen nicht umhin diese unbeliebten und ungeliebten Verblendungen und Anhaftungen ins Licht unseres Bewusstseins und in die Transzendenz zu führen. Wenn wir den Pfad zum Erwachen und zur Erleuchtung als weglosen Weg beschreiben, so kann die Transzendenz der Veranlagungen und Eigenarten als der Weg der kleinen Schritte bezeichnet werden. Der Weg der kleinen Schritte ist der Weg der „scheinbaren“ Kleinigkeiten. Scheinbar, weil in der Wirklichkeit unseres Seins Vergleiche und Wertunterschiede keinerlei Bedeutung haben. Alles Seiende entspringt derselben Quelle und erscheint mit dem Ichgedanken als Projektion der Trennungsphantasie unserer Seele. Kleinigkeiten, weil diese oft unscheinbaren und im Zwielicht unserer Werturteile gedeihenden Neigungen meistens versteckt, verdrängt und kleingeredet werden. Doch diese scheinbaren Kleinigkeiten können weitreichende Auswirkungen haben und dadurch auch großes Leiden erzeugen.
Unsere Wesensnatur, die Natur des Geistes, zu erkennen ist nicht das Ende sondern der Anfang der Entwicklung (Verwicklung ent-wickeln) zur Ganzwerdung. Erwachen ist immer spontan und unmittelbar, doch die Korrektur unserer eingefahrenen Gewohnheiten und den zugrundeliegenden Tendenzen kann stets nur in kleinen Schritten vollbracht werden. Selbst wenn wir überraschenderweise plötzlich große Veränderungen in diesen Bereichen erleben, so wurden diese Transformations-Sprünge in kleinen Schritten vorbereitet.
Die Welt ist der Spiegel unserer Trennungs-Gedanken und Trennungs-Projektionen. Das Ende unseres Leidens findet in der Auflösung der ihr zugrunde liegenden Identifikationen und deren mächtigen gebundenen Kräften und Energien statt. Dieser Weg fordert restlos alles von uns. Wie sollten wir denn unseren göttlichen Wesensgrund tatsächlich realisieren können ohne all unsere Begrenzungen vollständig und restlos aufzugeben? Wir würden in tausend Stücke zerrissen wollten wir das Göttliche umfassen.


Und noch etwas:

Liebe Freunde! Es ist wieder „Wilde-Wolken-Zen-Zeit“!

Das Felsentor–Retreat auf der wunderschönen Rigi, der wilden Berglandschaft mit ihren mystischen Plätzen und Kraftorten, in einem atemberaubend gestalteten Zen-Umfeld, findet dieses Jahr für euch wahlweise vom 12. bis 18. Februar oder vom 14. bis 18. Februar statt.
Auch Kurzentschlossene sind herzlich willkommen mit dabei zu sein.
Wir sind immens dankbar für diese so wunderbare Gelegenheit unsere spirituelle Entfaltung in einer intensiven Zeit der Vertiefung miteinander erleben zu dürfen. Wir können uns nicht erlauben auf immer noch bessere Zeiten zu hoffen. Es gilt nichts auf später zu verschieben!

In Liebe Saajid

Januar

Endlose Wiederkehr?

Warum kommen wir immer wieder hierher auf die Erde, in einen menschlichen Körper und müssen erneut durch dieses Leid hindurch gehen? Wir sind doch eigentlich das Selbst, dass sich getrennt hat um wieder zu sich selbst zurückzufinden. Wieso bleiben wir nicht in diesem All-Bewusstsein?

Saajid: Diese Frage zeigt die Tiefe unserer Verblendung und den Ursprung allen Leidens. Gleichzeitig ist es auch eine sehr unschuldige Frage und daher liegt sie sehr nahe an der Pforte zur Wirklichkeit. Genau genommen weniger als ein Haar breit neben der Wirklichkeit. Aber so ist es mit all unseren Vorstellungen und Einbildungen.
Wir sind All-Bewusstsein und haben daher dieses Bewusstsein nie verlassen. Wie könnten wir auch verlassen was unsere wahre Natur ist. Es ist nicht möglich. Alles ist das Eine. Wir haben uns in diesen Vorstellungen und dieser Hypnose jemand zu sein der unabhängig funktioniert verloren. Wir fühlen uns vom Mysterium unseres Wesens, unserer Quelle, unseres Ursprunges getrennt und suchen nach Erfahrungen welche uns glückverheißend erscheinen. Wir suchen nach einem Ersatz für unser scheinbar verlorenes Paradies und finden nur „Scheinbarkeiten“. Das ist die Ursache unseres Leidens und genau dieses Leiden führt uns zu unserem Ursprung zurück. Die Frage warum wir immer wieder hierher kommen ergibt sich daraus. Sie entspringt einer sehr üblichen jedoch verdrehten Sicht. Es ist nicht so dass wir immer wieder auf die Erde kommen. Wir sind immer hier, es ist die Erde und alle Erscheinungen welche kommen und gehen.

Es gab in der Geschichte der Menschheit alle möglichen Ideen die man als selbstverständlich und wahr angenommen hat und die sich doch nur als gute und glaubhafte Illusionen herausgestellt haben. Genauso verhält es sich mit der Idee, dass wir in diesem Körper und in dieser Welt sind. Dass unser Körper und die Welt, ja das ganze Universum in unserem Geist erscheint ist natürlich eine bahnbrechende, schockierende Theorie, welche uns zurzeit noch verrückt, verdreht und utopisch erscheint, obschon sie schon vor dreitausend Jahren von Buddha klar postuliert wurde. Es verhält sich wie mit der vehement vertretenen Überzeugung der Erde als Scheibe, oder als Mittelpunkt des Universums.
Galileo Galilei erkannte, dass die Planeten um die Sonne kreisten und somit die Erde nicht Mittelpunkt des Systems sein konnte. Diese Theorie hatte Kopernikus jedoch bereits 1514 entwickelt, doch durch Galilei wurde sie zum ersten Mal durch naturwissenschaftlich-astronomische Beobachtung nachgewiesen. Die katholische Kirche war entsetzt. Ihr gesamtes Weltbild geriet aus den Fugen. Schließlich behauptete sie nach wie vor, die Erde sei der Mittelpunkt des gesamten Universums. Die katholische Kirche ließ sich bis ins Jahr 1992 Zeit bis sie eingestand, dass Galilei und Kopernikus recht hatten.
Unsere Einbildungskraft kann Dogmen erschaffen welche sich über Jahrtausende aufrecht erhalten.

Der menschliche Körper, die Erde, ja alle unsere Wahrnehmungen erscheinen als Reflexionen des universellen Selbst in unserem Geist und manifestieren sich dadurch als Erscheinungen eines individuellen Selbst. Doch das individuelle Selbst ist auch das universelle Selbst (das göttliche Eine oder die Quelle). Es gibt nur das Eine und nur das Eine alleine kann wirklich sein. Wir bleiben immer hier. Alles was kommt und geht entspringt diesem Hiersein und ist dieses Hiersein. Wir verkörpern uns nicht wirklich. Wiedergeburt gibt es nicht so wie die meisten Menschen, welche an Wiedergeburt glauben sich dies vorstellen. Unsere Körper gehören stets der Erde. Die karmische Bindung an unsere Körper und damit an das ganze Universum, sowie an den Kreislauf der Vergänglichkeit, entspringen unserer immensen Einbildungskraft und Identifikationsfähigkeit. Keine unserer Einbildungen kann je eine unabhängige Wirklichkeit darstellen.
Das heißt jedoch nicht, dass wir die Welt und das menschliche Leben als unwirklich betrachten dürfen. Unsere menschlichen Leben tragen stets beide Aspekte in sich, die Erscheinungen, welche aus Reflexionen der Wirklichkeit bestehen, sowie der Wesensgrund selbst; beides als Eines.

Shankara einer der bedeutendsten indischen Weisen formuliert dies anhand eines Tontopfes auf diese Weise:
„Der Ton ist die Grundlage des Topfes. Topf ist Name und Form, Topf ist die Wirkung, Ton die Ursache.“
Oder noch prägnanter auf eine paradoxe Weise, welche jedem Zenmeister Ehre bereiten würde:
„Brahman alleine ist die Wirklichkeit. Die Welt ist Illusion. Brahman ist die Welt.“

In Liebe Saajid